Leseprobe
Godzilla war hier
Schwerin · Dezember 1990Detlev Bencke hatte schlechte Laune. Mit neunundvierzig Jahren war er noch zu jung, um an seine Pension zu denken, aber alt genug, jede Stunde ungestörten Schlafes zu genießen. Morgens um fünf durch einen Telefonanruf geweckt zu werden, gehörte nicht zu den Dingen, die er schätzte. Die Feuerwehr hatte einen Brand in der Sandstraße gelöscht und dabei ein paar Leichen gefunden.
Es war sechs Monate nach der Wiedervereinigung. Seine berufliche Zukunft hing an einem Übergangssystem, in dem ehemalige DDR-Kriminalisten provisorisch übernommen und neu eingestuft wurden. Oder eben auch nicht.
Er war Kriminalhauptkommissar und damit erfahren genug, um eigenständig Fälle führen zu können. Nicht jedoch für Leitungsfunktionen – was ihm egal war, denn er liebte seine Arbeit. Er hätte schon Kriminalrat sein können, erste Führungsebene und Abteilungsleitung. Das wäre der nächste Schritt für jemanden mit seinem Profil gewesen und hätte für Frieden zu Hause gesorgt.
Doch er hatte ein Problem mit den Stasi-Verbindungsoffizieren gehabt, die es in jeder Dienststelle gegeben hatte. Er hatte Fälle nicht weitergegeben, Informanten nicht gemeldet, Ermittlungsergebnisse zurückgehalten – nicht aus politischen Überzeugungen, sondern weil es seine Fälle waren. Und er hatte zu oft gesehen, wie Akten auf Nimmerwiedersehen Richtung Berlin verschwunden waren.
Das hätte ein Garant sein sollen, in das System übernommen zu werden. Doch nach dem, was er bis jetzt mitbekommen hatte, bewirkte es das Gegenteil. In der Bundesrepublik Deutschland mochte man keine Leute, die selbstständig dachten.
Nur leise fluchend, um seine Frau nicht zu wecken, warf er sich die Jacke über.
Die Wolken am Dezemberhimmel über Schwerin hingen so tief und grau herab, dass Bencke nicht hätte sagen können, ob die Sonne überhaupt schon aufgegangen war.
Der Brandgestank war überall. Und noch etwas stieg ihm in die Nase, von dem er nach fünfundzwanzig Jahren Dienst bei der Schweriner Kriminalpolizei wusste, dass keine Waschmaschine der Welt ihn je wieder aus seinen Sachen herausbekommen würde: der Geruch von verbranntem menschlichem Fleisch.
Es war kurz nach acht am Morgen, und die Feuerwehr hatte das Haus vor einer halben Stunde für die Kriminalpolizei freigegeben. Er trat über die Schwelle der Haustür und wartete, bis seine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten. Markus Wassmann wusste er einen Schritt hinter sich.
Wenn es eine ständige Mordkommission in Schwerin gegeben hätte, dann wäre der drahtige, wortkarge Urschweriner ihr zweiter Mann nach Bencke gewesen. Aber es gab keine, zumindest bis jetzt nicht. Dafür hatte in Schwerin noch nie eine Notwendigkeit bestanden. Brauchte man doch einmal eine, stellte man sie kurzerhand aus Bencke und Wassmann zusammen. Nach dem, was der Leiter der Einsatzgruppe der Feuerwehr angekündigt hatte, würde man sich wohl darüber Gedanken machen müssen, das zu ändern.
Die Leute von der Feuerwehr hatten Seile gespannt. Nicht nur vor dem Haus in der Sandstraße 13, um Schaulustige fernzuhalten, sondern auch im Treppenhaus. Mühsam hangelte Detlev Bencke sich daran die acht Halbtreppen aus wurmstichigen und jetzt im Licht der aufgestellten Scheinwerfer vor Nässe glänzenden Holzstufen empor. Die Brandspuren begannen im dritten Treppenabsatz. Darunter war der Putz nur geschwärzt, die Holzbalken verfärbt, die Handläufe klebrig. Ab dem dritten Absatz war alles, was Holz war, zunehmend verkohlt.
Auf dem Boden direkt vor der Wohnungstür im vierten Stock fanden sie die erste Leiche. Sie lag auf dem Rücken, die Arme neben dem Körper, der Kopf nach hinten überstreckt in einem Winkel, der dem Hals normalerweise nicht möglich war, wenigstens nicht ohne Fremdeinwirkung. Bencke hockte sich hin, ohne etwas zu berühren.
Wassmann lehnte sich an die nasse Wand und schluckte. „Genickbruch durch Treppensturz?“
„Ganz bestimmt. In der obersten Etage.“ Bencke stand wieder auf. „Aber nur, wenn sich die Schwerkraft kurz mal umgekehrt hätte. Was sie nicht hat, denn deine Haare liegen noch.“
„Vielleicht hatte sie ja einen Namen, und der war nicht Schwerkraft.“
„Ziemlich sicher. Und die Waffe hat ihm auch nicht geholfen.“ Bencke wies auf den Boden neben der Leiche.
Dort lag eine Pistole, deren Typ ihm völlig unbekannt war. Gründliche Kenntnisse über Handfeuerwaffen hatte er bei der Kripo in Schwerin nie benötigt. Wenn es schon ein Mord sein musste – meistens war es eher Totschlag –, verwendete man gewöhnlich das, was gerade zur Hand war: ein Messer aus dem Block auf dem Küchentisch, eine Axt, eine Bierflasche …
Die erste Leiche lag genau vor der Tür und sie hätten sie zur Seite ziehen müssen, um hineinzukommen. Die Techniker waren aber noch nicht hier gewesen, also stiegen sie einfach darüber hinweg in die Wohnung.
Das Feuer hatte offenbar in der Küche seinen Anfang genommen. Die Decke war teilweise eingestürzt, die Fensterrahmen weggeschmort, und durch die leeren Scheibenlöcher zog kalte Dezemberluft herein, die nach nasser Asche roch und nach sonst nichts mehr.
Bencke blieb in der Tür stehen und zählte. Er tat es laut. Reden half seinem Gehirn, sich wieder in den Griff zu bekommen, während es versuchte, das zu verarbeiten, was seine Augen erfassen mussten. Er kam auf drei verkohlte Leichen auf dem Küchenboden.
Die linke war vermutlich die einer Frau. Sie war etwas kleiner als die anderen, schmaler gebaut und mit etwas bekleidet, das vor dem Feuer ein Kleid gewesen sein mochte. Sie lag auf dem Rücken, der Kopf zur Seite geneigt, und an der Schläfe war der Schädelknochen eingebrochen – vorne nach innen, hinten nach außen und größer. Bencke kniete sich hin. Einschuss, Ausschuss.
Neben ihr lag die nächste verkohlte Leiche, männlich und größer. Gleicher Befund am Schädel, gleiche Seite, gleicher Winkel, gleiche Haltung, keine Abwehrspuren – beide hatten offenbar keine Zeit für eine Abwehrreaktion gehabt, welche das auch hätte sein sollen. Zwei schnelle Schüsse, kurz hintereinander. Vielleicht.
Die dritte verkohlte Leiche lag abseits, mit dem Rücken zur Wand. Sie war groß. Irgendetwas zwischen einem Meter neunzig und fast zwei Metern, schätzte Bencke. An den Unterschenkeln waren Brüche auf gleicher Höhe sichtbar – stumpfe Gewalt, massiv, wahrscheinlich mit einem schweren, kantigen Gegenstand. An der Innenseite des linken Oberschenkels hatte sich das verbrannte Fleisch nach außen gewellt – eine Verletzung, die eindeutig nicht von der Hitze stammte. Darunter war auf dem Boden ein breiter, dunkler Fleck, der tief ins Holz gebrannt war.
„Kein Treppensturz.“
Wassmann stand hinter ihm und atmete gleichmäßig. Es war die Art gleichmäßigen Atmens, die man lernte, wenn man das erste Mal eine Leiche sah. Oder man erbrach sich. Für Wassmann war jede Leiche immer noch die erste Leiche.
„Ziemlich offensichtlich. Wenn er hier schon gelegen hat, hat sie ihm jemand gebrochen.“ Bencke hockte sich hin, betrachtete die Verletzungen genauer, dann pfiff er leise durch die Zähne. „Sind exakt auf gleicher Höhe. Also beide Beine mit einem einzigen Hieb.“
Wassmann wies auf die verkohlten Reste in der Mitte des Raums. „Tischkante?“
„Das war ein Küchentisch aus massivem Holz, keine Presspappe, also dreißig bis fünfzig Kilo, mindestens“, schätzte Bencke. „Ich könnte es nicht. Vielleicht finden wir ja noch eine Brechstange.“
„Oder Godzilla war hier“, knurrte Wassmann.
„Vier Morde“, sagte Bencke.
Bei keiner der vier Personen sahen sie Reste von Dokumenten: keine Geldbörse, kein Ausweis, kein einziger persönlicher Gegenstand. Neben der weiblichen Leiche lag ein Brotmesser mit geschwungener Klinge, und daran das, was vom Holzgriff noch übrig war. Und am großen Mann sahen sie keine Schuhe – an den anderen waren zumindest Reste erkennbar, Metallösen, Schnallen. Hier nichts.
Nahe der Spüle lag eine verbrannte Pistole. Bencke ließ sie liegen. Es konnte eine Beretta oder eine Walther sein. Dafür gab es Kriminaltechniker.
Er trat ans Fenster und atmete die Dezemberluft. Ohne sich umzudrehen, sagte er: „Es könnte so einfach sein. Der LKW-Fahrer kam von der Spätschicht und hat schon auf der Treppe gehört, dass seine Frau richtig Spaß hatte. Aber der an der Tür hat ihn nicht reingelassen, also hat er ihm schnell mal das Genick gebrochen. Dann gefiel ihm nicht, was er in der Küche gesehen hat, und er hat seine Pistole gezogen, die er in seinem LKW sonst immer unter dem Armaturenbrett liegen hat. Die Frau und den einen Kerl hat er abgeknallt, mit dem anderen hat er noch ein bisschen Spaß gemacht, bevor er ihm die Schlagader am Bein durchgeschnitten hat.“
„Und damit wir das nicht mitbekommen, hat er hinterher die Bude abgefackelt“, ergänzte Wassmann lakonisch. „Schöne Geschichte. Oder?“
Bencke drehte sich um. „Oder.“
Wassmann nickte. „Ja, das denke ich auch. So einfach wird der, der das hier angerichtet hat, es uns wohl nicht machen.“
„Wenn es nur einer war.“ Detlev Bencke klappte sein Notizbuch zu.
Der Brandsachverständige brauchte nicht lange, um das Muster zu finden. Er sah so etwas nicht zum ersten Mal und erklärte es Bencke kurz und knapp: Eine Wachsspur auf dem Holz, eingebrannt statt geschmolzen, mit einer kreisrunden Verfärbung darunter, eine Anomalie im Brandmuster. Das Feuer hatte sich dann von diesem Punkt aus nach oben gearbeitet. Es hatte nicht in der Wohnung selbst begonnen.
Eine Kerze, mit dem eigenen Wachs auf einem Holzabsatz fixiert, zwei Treppen unterhalb der Wohnung. Dazu ein offener Gashahn und eine Propangasflasche unter der Spüle. Das Gas war schwerer als Luft gewesen, hatte sich nach unten gesenkt, und der Kontakt mit der Kerze hatte zu dem Brand geführt, der die Feuerwehr um kurz nach Mitternacht herbeigerufen hatte. Sie war schnell gewesen, sonst wäre kaum noch etwas zum Begutachten dagewesen.
Bencke notierte sich das, zusätzlich zum offiziellen Protokoll. Es war kein Defekt und auch keine Fahrlässigkeit gewesen. Jemand hatte diese Falle gebaut, war die Treppe hinuntergegangen und hatte das Gebäude in aller Seelenruhe verlassen: der oder die Täter.
Seine Hand zitterte ein wenig. Wer tat so etwas? Er wusste nicht, was hier genau geschehen war, aber er wusste, dass Schüsse gefallen waren, die in der Nacht weit zu hören gewesen sein mussten. Er wusste, dass ein Kampf stattgefunden hatte, und trotzdem hatte danach jemand die eisernen Nerven besessen, noch an Spurenbeseitigung zu denken. Was für ein Mensch war dazu fähig?
In der DDR waren immer sehr niedrige Kriminalitätsstatistiken veröffentlicht worden – aus ideologischen Gründen, nicht weil sie der Realität entsprachen. Schwerin hatte Ende der Achtziger rund einhundertdreißigtausend Einwohner gehabt. Die offizielle DDR-Mordrate hatte bei etwa einem bis zwei Fällen pro einhunderttausend Einwohner jährlich gelegen. Das hätte für Schwerin statistisch ein bis drei Morde pro Jahr ergeben.
Für Detlev Bencke bedeutete das: Er hatte in seiner gesamten Laufbahn nur eine Handvoll echter Mordermittlungen geführt, die meisten davon im häuslichen Umfeld – Beziehungstat, Alkohol, Affekt. Bei keinem davon hatte es mehr als eine Leiche gegeben. Und bei keinem davon hatte es so sehr nach einem professionellen Killer oder einem ganzen Team gestunken wie hier.
Beides kannte er bisher nur aus dem Fernsehen. Es sah so aus, als hätte sich das gerade geändert.
Die Obduktion der Leichen dauerte vier Tage. In Schwerin gab es keinen Rechtsmediziner mit Erfahrung bei Gewaltverbrechen dieser Art. Also forderte Bencke einen Spezialisten der Universitätsklinik Rostock an, der kam, die Standardbefunde aufnahm und wieder fuhr. Dipl.-Med. Hannes Wördemann, neunundzwanzig, Assistenzarzt des Schweriner Klinikums, hatte die Arbeit begleitet, Proben beschriftet und alles protokolliert. Bis zur Wende hatte er hauptsächlich Verkehrsunfälle gesehen.
Der Professor aus Rostock bestätigte, was Bencke in der Küche bereits geahnt hatte: zwei Schädelschüsse von vorn seitlich, neun Millimeter und dieselbe Waffe. Vermutlich die Beretta – die Techniker hatten den Typ ermittelt und auch die Projektile gefunden –, die in der Küche gelegen hatte.
Dem Mann vor der Wohnungstür waren die Halswirbel C2 und C3 gebrochen worden. Hyperextension, Fremdeinwirkung und sofortiger Tod, aber kein gebrochener Kiefer, wie er ihn hätte haben müssen, wenn jemand frontal auf ihn eingeschlagen hätte. Entweder hatte der Angreifer hinter ihm gestanden oder …
Bencke notierte sich auch das. Er hatte zu viele schlechte Filme gesehen, in denen Leuten einfach so mit einem Kniestoß das Genick gebrochen worden war. Wirklich schlechte Filme.
Die dritte verkohlte Leiche wies einen Doppelbruch beider Tibiae durch einen stumpfen Gegenstand unter massiver Krafteinwirkung auf, dazu einen sauberen Schnitt an der Innenseite des linken Femurs. Der Schnitt war so kräftig gewesen, dass er sogar Spuren auf dem Knochen hinterlassen hatte. Die Sequenz der Verletzungen war nicht exakt bestimmbar, aber der Professor meinte, es sei wahrscheinlicher, dass erst die Schienbeine gebrochen worden waren und dann die Schlagader durchtrennt worden war.
Der Kriminaltechniker war hinzugerufen worden, und sie hatten gerechnet. Beide Tibiae gleichzeitig, auf exakt gleicher Höhe bedeutete eine Einwirkung von mindestens 10.000 bis 14.000 Newton, konzentriert auf eine schmale Kante, vermutlich die Tischkante. Das lag am äußersten Rand des menschlich Möglichen. Wenn überhaupt.
Ein Profiboxer traf mit etwa 5.000 Newton. Ein schwerer Tisch – vierzig Kilogramm, aus dem Stand mit vollem Körpereinsatz geschwungen – hätte diese Kraft theoretisch entwickeln können, aber nur bei außergewöhnlicher Physis und Technik von dem, der ihn benutzte. Ein normaler Mensch käme nicht annähernd daran.
Also zwei Täter, notierte Bencke. Oder zweimal zugeschlagen.
Dann stützte er den Kopf in die Hände. Die Brüche waren exakt auf gleicher Höhe gewesen, millimetergenau. Das bekam man weder zu zweit hin noch mit zwei Schlägen. Er strich die Zeile wieder durch und ersetzte sie durch: Ein Täter mit außergewöhnlicher Physis.
Wördemann arbeitete seit zwei Jahren an einer Dissertation über forensische Zellaltersbestimmung. Es war ein Randgebiet und seine Vorgesetzten hielten es für eine akademische Spielerei, aber er hatte Pläne für seine Zukunft, in denen Schwerin nur noch eine Randnotiz war. Außerdem ließ ihn dieses Thema ebenso wenig los wie eine der vier Leichen.
Der Professor aus Rostock hatte um halb sechs das Institut verlassen, die Obduktion abgezeichnet, den Mantel genommen und sich nicht mehr umgedreht. Wördemann räumte auf, spülte die Instrumente und beschriftete die letzten Probenbehälter mit jener ruhigen Hand, die man entwickelte, wenn man die Handgriffe oft genug wiederholt hatte. Dann zog er sich frische Handschuhe an und nahm sich, was er brauchte. Niemand hielt ihn auf. Niemand achtete auf ihn. Er war nur der Assistent.
In seinem Büro – ein Tisch, ein Stuhl, zwei Regalmeter Fachliteratur, die er meistens selbst bezahlt hatte – saß er bis kurz vor Mitternacht. Dann lagen auf dem Tisch drei Seiten, von denen die erste sauber geschrieben und die dritte kaum noch lesbar war.
Seine Gedanken drehten sich im Kreis, weil er nicht verstand, was er herausgefunden hatte, und immer wieder blickte er auf die Gewebeproben vor sich.
Die Telomerlänge – die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen – der untersuchten Proben entsprach nicht dem morphologischen Alter der weiblichen Leiche. Ein Neugeborenes hatte maximale Telomerlänge, ein alter Mensch eine kurze. Das war ein biologisches Gesetz. Die Länge war ein Kalender, der unbestechlich tickte.
Progeroide Syndrome: Er hatte das aufgeschrieben, weil es das Erste war, das man notieren musste. Dann hatte er es gestrichen. Trotz der Verbrennungen war genug übriggeblieben, um zu wissen, dass sie ausgesehen hatte wie eine Frau Ende dreißig: gesund, gut ernährt. Progerie hinterlässt unübersehbare Spuren im Skelett und im Gewebe – Spuren, die er unmöglich hätte übersehen können.
Massive Strahlenexposition: Dagegen sprach, dass die Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einmal das dreißigste Lebensjahr erreicht hätte, sondern schnell und schmerzvoll an der Strahlenkrankheit gestorben wäre. Die Telomerlänge nach massiver Exposition hätte zudem völlig andere Muster gezeigt: ungleichmäßige Degradation, massive Reparaturartefakte. Was er unter dem Mikroskop gesehen hatte, war gleichmäßig gewesen, konsistent und fast sauber. Als wäre dieser unmögliche Zustand der Normalzustand dieser Zellen.
Den dritten Punkt hatte er dreimal angefangen. Beim ersten Versuch hatte er notiert: In keinem publizierten klinischen Befund existiert ein vergleichbares Muster. Er hatte es gestrichen. Zu absolut; er kannte nicht jeden Befund weltweit.
Beim zweiten Versuch hatte er geschrieben: Das vorliegende Muster ist nach aktuellem Forschungsstand humanmedizinisch nicht erklärbar. Auch das hatte er gestrichen. Es war zu weitreichend für eine Randnotiz in einem Obduktionsprotokoll und genau betrachtet war es erklärbar, aber die Erklärung würde niemand glauben. Er selbst glaubte sie ja auch nicht.
Die dritte Fassung ließ er schließlich stehen: In der veterinärmedizinischen Forschungsliteratur wurde bei experimentellen Klonierungsversuchen an Säugetieren Vergleichbares beschrieben – ausschließlich unter Laborbedingungen, die in der Humangenetik als nicht realisierbar gelten.
Er lehnte sich zurück und betrachtete den Satz. Er war korrekt. Er hatte die Literatur gelesen – nicht für diesen Fall, sondern für seine Dissertation, in einem Abschnitt über Telomer-Anomalien bei künstlich reproduzierten Embryonen. Ein Abschnitt, den sein Betreuer für entbehrlich gehalten hatte. Wördemann hatte ihn trotzdem geschrieben. Denn der Satz war korrekt und wenn jemand ihn las – wirklich las, nicht nur überflog –, dann würde dieser jemand dieselbe Frage stellen, die ihm seit drei Stunden die Kehle zuschnürte. Es war nicht die Frage, wie so etwas möglich war und auch nicht die Frage, warum es gemacht worden war.
Es war die Frage: Wer? Wer hatte das gemacht? Was hatte eine Frau in der Wohnung in der Sandstraße 13 gesucht, deren Zellen doppelt so alt gewesen waren wie ihr Körper? Mindestens doppelt so alt. Wer hatte das gewusst? Und noch schlimmer: Wer hatte das gebaut? Er dachte bewusst: gebaut.
Er heftete das Blatt an das Protokoll und legte es in die Akte. Dann schaltete er das Licht aus und wollte nach Hause gehen. Ihm fiel noch etwas ein, was er hinzufügen musste, unbedingt, und er knipste die Lampe wieder an.
Er zögerte, schaltete die Lampe wieder aus und ging endgültig. Er wusste, dass ihn das, was er ungeschrieben zurückgelassen hatte, nicht schlafen lassen würde. Aber er war kein Kriminalist, und dieser Bencke hätte ihn nur ausgelacht.
Die Frau war eine Anomalie, das stand fest. Und so stellte sich für Wördemann nur eine Frage: War sie der Grund, warum das alles geschehen war?