Leseprobe
Meerjungfrauen küssen nicht
August 1982 · OstseeUnnachgiebig trieben ihre vier Wasserstrahltriebwerke die Time Bandit durch die Ostsee. Die entfesselte Kraft von neunzigtausend Pferden in ihrem Maschinenraum ließ sie mit dreißig Knoten durch das Wasser jagen, als wollte sie jeden Moment abheben und in einen Gleitflug übergehen.
Obwohl die Motoren auf den besten Schwingungsdämpfern gelagert waren, die es für Geld zu kaufen gab, waren ihre Vibrationen stark genug, dass Albina R. Devereaux sie selbst in ihrer Kapitänskajüte noch spürte, ebenso, wie sie das Pfeifen der beiden Gasturbinen hörte. Noch nie in den letzten zehn Jahren hatte sie die Kraft der Maschinen ihrer einhundertsechzig Meter langen Luxusyacht bis an ihre Leistungsgrenzen ausreizen müssen und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das auch nie geschehen dürfen. Als der Notruf aus Leningrad eingegangen war, hatte sich die Time Bandit im Südatlantik aufgehalten. Doch wegen der Havarie eines Frachters im Nord-Ostsee-Kanal hatte sie den langen Umweg über das Skagerrak in die Ostsee nehmen müssen und dabei zwölf Stunden verloren.
Unruhig tigerte sie in ihrer Kajüte hin und her, warf immer wieder einen Blick aus dem mit kugelsicherem Glas versehenen Fenster auf die vorbeirasenden Wellen und unterdrückte mit aller Macht den Wunsch, vor Nervosität an ihren perlmuttfarbenen Nägeln zu kauen. Drei Stunden lang hatte sie es auf der Brücke in ihrem Sessel nach ihrem Befehl, mit voller Kraft zu fahren, ausgehalten, dann war der Bewegungsdrang in ihr so übermächtig geworden, dass sie in ihre Kabine gegangen war, damit die Besatzung nicht bemerkte, wie nervös sie war.
Sie war eine große, schlanke und doch kräftig wirkende Frau mit einem schmalen Gesicht. Falten um Augen und Mundwinkel furchten es, braune Altersflecken an Hals und auf den Wangen verunzierten es und doch zeigte es noch immer die Spuren ihrer einstigen Schönheit. Ihre grünen Augen waren leicht schräggestellt und schmal, als hätte sie asiatische oder mongolische Vorfahren. Mit der streitbaren Intelligenz, die aus ihnen leuchtete, und der Art, wie sie sich selbst bei hohem Seegang mit scheinbar schwereloser Eleganz bewegte, hatte sie etwas von einer Katze auf Beutejagd.
In ihrem Pass stand der Name Albina R. Devereaux, aber sie hatte schon so viele Namen benutzt, dass sie sich nicht einmal mehr an alle erinnerte. Die Besatzung nannte sie nur Skipper und manchmal, wenn sie glaubten, dass sie es nicht hörte, auch Käpt’n Nemo oder den Fliegenden Holländer.
Sie streckte die Hand nach dem Intercom aus, dann zog sie sie wieder zurück. Der erste Offizier würde sie benachrichtigen, wenn es Neuigkeiten gab, ein Anruf auf der Brücke hätte die Crew nur noch nervöser gemacht, als sie ohnehin schon war. Stattdessen rief sie den leitenden Ingenieur im Maschinenraum an. „Können wir mit den Turbinen auf volle Kraft gehen?“
„Hm ...“
Sie wusste, dass sich jetzt ein schiefes Verlegenheitsgrinsen in seinem bulligen Gesicht breitmachte und er sich die kahle Schädeldecke kratzte, bevor er ihr die Antwort gab. „Klar können wir. Wozu hat man schließlich seine Pferdchen, wenn man sie sich nicht mal austoben lässt, nicht wahr? Ich meine, wenn Sie unbedingt wollen, dass wir uns eine Resonanzschwingung einfangen, können wir das ruhig mal ausprobieren. Dass es uns dann die Antriebswellen aus den Lagern gerissen hat, wird danach unser kleinstes Problem sein. Die Diesel sind mechanisch entkoppelt, stehen auf verschiedenen Grundplatten, aber die Turbinen nicht, Konstruktionsfehler, aber auf mich wollte ja keiner hören. Und falls es doch gutgeht, donnern wir mit sechsunddreißig Knoten durch das am dichtesten mit Radar und Messbojen gespickte Gebiet der Welt. Bei allem Respekt: Wir fahren jetzt fünfundsiebzig Prozent, mehr haben wir nie getestet. Bis fünfundachtzig bin ich noch bei Ihnen ...“
„Für wen würden Sie volle Kraft laufen lassen?“
„Für … mein Gott!“
„Ja, Larissa ist in Schwierigkeiten.“
Jede Burschikosität verschwand aus seiner Stimme. „In fünf Minuten haben Sie einhundertzehn Prozent.“
„Nein. Ich will eine Reserve. Trotzdem. Einhundert Prozent, aber holen Sie die zweite Wache dazu, falls wir wirklich bis zum Äußersten gehen müssen.“
„Jawohl, Skipper!“
Sie sagte: „Danke“, und ließ sich in einen Sessel fallen, nahm ihren langen grauen Zopf in die Hand und spielte nachdenklich mit der Quaste an seinem Ende. Nicos Venizialos, der Schiffsarzt, neckte sie des Öfteren damit. Mit siebzig trug man seine grauen Haare nicht mehr hüftlang wie ein sechzehnjähriger Backfisch, meinte er.
Dann wird ihn mir wohl jemand abschneiden müssen, hatte sie einmal in einer stillen Stunde geantwortet.
Er hatte gelacht, ihren Zopf berührt und spöttisch gemeint: „Wer würde es wagen, Hand an Euch zu legen, Euer Schaumgeborenheit?“
Er war in die Mythologie seiner griechischen Heimat vernarrt, selbst sein hochmodernes und bestens ausgestattetes Schiffslazarett nannte er manchmal die Höhle des Hephaistos. Zu ihrem Geburtstag – dem siebzigsten, wie alle glaubten – hatte er eine kleine Alabasterstatue der sitzenden, nackten Aphrodite, die er mit seinen geschickten Händen selbst angefertigt hatte, auf ihren Schreibtisch gestellt. Schon beim ersten Blick hatte sie gewusst, wessen Körper er im Kopf hatte, als er sie modellierte.
Sie streckte die Hand aus, fuhr mit einem Finger die vollkommenen Kurven nach. Kaum den Wellen am Strand der Insel Zypern entstiegen, hatte die Göttin der Liebe viel Unheil angerichtet, auch wenn sie immer nur gute Absichten gehabt hatte.
Als hätte sie sich verbrannt, zog sie die Hand von ihrer Skulptur zurück.
Der Abend am Strand von Markgrafenheide war warm und windstill und das Wasser glatt wie ein Spiegel. Kein Windhauch vertrieb den Geruch von Sonnencreme, verfaulendem Tang und totem Fisch. Nach der Hitze des Spätsommertages waren am Nachmittag dicke Wolken aufgezogen und hatten die Wärme konserviert wie in einer Thermoskanne. Nun, kurz vor Sonnenuntergang, trieben sie wieder davon. Doch im Osten waren schon die Nächsten zu sehen.
Lärmende Kinder hatten Sandburgen gebaut, sich mit feuchtem Dreck und glibberigen Quallen beworfen, und ihre Eltern hatten das Geschrei mit der Musik aus ihren Kofferradios noch zu übertönen versucht. Jetzt machten sich alle auf zum Abendbrottisch. Auch in den Ferienhotels des FDGB war Fütterungszeit und wer dabei zu spät kam, den bestrafte sein Magen.
Christian saß auf seinem Lieblingsstein, die nackten Füße im Wasser und die Arme um die angezogenen Knie gelegt. Der Tod seiner Mutter hatte ihn noch verschlossener gemacht, als er vorher schon gewesen war. Er lebte jetzt bei seiner betagten Großmutter in Markgrafenheide und besuchte die Schule in Warnemünde. Jedes Wochenende kam sein Vater vorbei, brachte neue Bücher mit und Zeit, von der sie viel für gemeinsames Training am Strand und im Küstenwald nutzten. Es hätte ein gutes Verhältnis zwischen beiden werden können, wenn da nicht ein ständiger Stachel in Christian gebohrt hätte.
Schnell hatte man den Mörder seiner Mutter identifiziert – der Mann, den Christian jeden Abend hinter der Fensterscheibe gesehen hatte. Er war geflüchtet, hatte sich bei der Festnahme gewehrt und war erschossen worden. Das hatte sein Vater erzählt.
Christian glaubte kein Wort davon. Wie hätte so eine ausgemergelte Gestalt die Schreie seiner Mutter ersticken, ihre Gegenwehr lautlos unterbinden und ihr dabei noch einen Wangenknochen brechen können? In stiller Nacht, fast unter seinem halbgeöffneten Fenster, ohne dass er auch nur einen Laut gehört hatte? Unmöglich! Für Christian lief der Mörder seiner Mutter noch frei herum und er verübelte seinem Vater, dass der es scheinbar einfach so hinnahm.
Der Felsen unter seinem Po hatte die Sonnenstrahlen gespeichert und sandte die Wärme über die Nervenbahnen in Christians Rückgrat an sein Gehirn. Er liebte die Stille, in der ihn niemand in seinen Gedanken störte, so sehr, wie er den Konjunktiv und das Nachdenken über das, was hätte sein können, hasste. Entgehen konnte er dem trotzdem nicht.
Er wusste, dass der Strand sich auch geleert hätte, wenn statt der Abenddämmerung die Schönheiten des Fernsehballetts eine Stripteaseshow im Sand dargeboten hätten. Jeder Urlauber wurde über das Nachtbadeverbot an der Ostseeküste belehrt, sobald er im Ferienhotel seinen Personalausweis zur Anmeldung auf den Tisch des Empfangs legte. Die Freiheit war für DDR-Bürger nur drei Seemeilen entfernt, vorausgesetzt, sie erreichten ein Schiff außerhalb der Hoheitsgewässer, bevor sie in der Ostsee ertranken.
Die, die es trotzdem versuchten, kamen nicht weit. Überall spähten die Soldaten der Grenzbrigade Küste nach Republikflüchtigen und machten mit Strandpatrouillen jeden Versuch, schwimmend aus dem Land zu flüchten, schon in seinem Anfangsstadium zunichte.
Der Platz, an dem er saß, war einer der ganz wenigen, der nicht im direkten Sichtfeld eines der Wachtürme lag, weil der Strand hier einen Knick machte und der bis fast ans Wasser wachsende Wald die Sicht versperrte.
Wenn die Luft dir schwer wie Blei auf die Brust drückt und die Sonne blutrot das Wasser berührt, darfst du niemals an den Strand gehen, sagte seine Großmutter manchmal. Nach jedem Sturm sammelte sie Bernsteine am Strand und wenn die Abende lang wurden, schliff sie daraus Schmuckstücke, fädelte sie mit ihren zittrigen Händen mühsam auf Ketten und verkaufte sie an die Urlauber.
Tatsächlich zeigte der Rand der Sonne, der eben begann in den Fluten der Ostsee zu verschwinden, ein so intensives Blutrot, wie er es noch nie gesehen hatte, und er fragte sich, vor welcher uralten Legende seine Großmutter wohl Angst haben mochte. Er war dreizehn und hatte in den letzten acht Jahren mehr Bücher gelesen, als die meisten Menschen es in ihrem ganzen Leben schaffen. So wusste er, dass in den Nächten im Jahr, in denen sich seine Großmutter so seltsam verhielt, große Meteoritenströme die Umlaufbahn der Erde kreuzten und glühende Spuren im nächtlichen Himmel hinterließen.
Mittlerweile war es merklich dunkler geworden und neue Wolkenbänke zogen über den Himmel. Das Meer war glatt wie ein Teich und das Wasser glänzte wie blutrotes Silber im letzten Licht der untergehenden Sonne. Alle Fischerboote waren vom Fang heimgekehrt, selbst auf der Reede vor Warnemünde lag kein Schiff mehr vor Anker. Außer einer Frau, die in seine Richtung ging, sah er keine Menschenseele mehr am Strand. Eine einzelne Möwe flatterte direkt über seinem Kopf und ihr Geschrei war der einzige Laut, den er noch hörte. Etwas schien in der Luft zu liegen, undefinierbar, nicht greifbar und doch so präsent, dass ihm ein Schauder den Rücken hinunter rann.
Immer weiter versank die Sonne im Meer. Dämmerung zog herauf, mit ihr kamen eine Brise kalter Luft und die einsame Frau, die am Ufer entlangging. Bis zur Hüfte wallten ihre lockigen Haare und obwohl der Wind ihr ihren fußlangen Wickelrock um die Beine wirbelte, schien sie sich in dem tiefen und weichen Sand nicht einmal quälen zu müssen. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne schienen durch sie hindurchzugehen und hüllten sie in ein unwirkliches Licht. Etwas sagte ihm, dass sie nicht hierhergehörte, weder hier wohnte, noch eine Urlauberin war. Ein unerklärliches Schaudern rann ihm den Rücken herab, die Härchen auf seinen Unterarmen stellten sich steil auf und ihm war, als hörte er seine Großmutter rufen: Flieh, lauf weg, bevor es zu spät ist!
Mit einem bitteren Auflachen verjagte er den Grusel. Geister und Alte-Frauen-Geschichten machten ihm keine Angst, eine junge Frau aber ganz sicher. Er hatte alles darüber gelesen, was er in die Finger bekommen hatte, und seine Großmutter hatte es ihm erklärt. Doch es änderte nichts an dem, was das Erwachsenwerden allen Jungen antat und so musste er mit einem Körper leben, der ihm vorkam, als wäre er nicht seiner und mit einem Kopf, in dem Gedanken wirbelten, die er nicht kontrollieren konnte.
„Ist es nicht langweilig so alleine? Warum gehst du nicht dahin, wo alle sind?“
Leise schnaufend ließ die Frau sich neben seinem Stein in den Sand fallen. Unter dem Dunkelblau ihres schulterfreien Wickelkleids wölbten sich prachtvolle Brüste, kleine Füße in Riemchensandalen lugten unter dem Saum hervor und eine große Umhängetasche aus rotem Stoff hing ihr über die rechte Schulter. Ihre straffe, aber für den langen Sommer zu weiße Haut hatte Sommersprossen und zeigte Spuren eines beginnenden Sonnenbrandes. Ihre Augen leuchteten in einem herrlichen Grün, ihre langen Locken hatten das satte Rot des Weines, den seine Großmutter so gerne trank und sie roch nicht nach Sonnencreme, die er nicht mochte, sondern duftete wie eine Frühlingswiese, wenn die Sonne aufgeht und die Blüten sich öffnen. Sie war ... wunderbar.
So ist das also, wenn man sich auf den ersten Blick verliebt, konstatierte der nicht in Hormonen ertrunkene Teil seines Gehirns. Er straffte sich und schaute sie aufmerksam ein zweites Mal an. Sie war mindestens doppelt so alt wie er, ihr Blick wirkte gehetzt, ihr Gesicht zeigte Müdigkeit und ein verbissener Ausdruck lag darauf. Den gleichen Ausdruck hatte seine Großmutter immer im Gesicht, wenn sich eine Perle partout nicht auf die Kette fädeln lassen wollte. Sie wehrte dann jede Hilfe ab von ihm und kämpfte verbissen so lange mit ihren vor Altersschwäche zittrigen Fingern, bis sie es geschafft hatte. Aufgeben kam für sie nie in Frage und er fürchtete den Tag, an dem es passierte.
Seine Antwort musste etwas Kluges sein, etwas, das sie nicht erwartete. Ihr Akzent hatte nach Russisch geklungen und wie jedes Schulkind der DDR lernte er es seit der fünften Klasse. Er wusste, dass seine Aussprache grausam klingen würde, weil ihm die Übung fehlte. Aber er wusste auch, dass er keine Fehler machen würde: zu jedem deutschen Wort fand er die russische Entsprechung, und die russische Grammatik war im Gegensatz zur deutschen eine Autobahn, die er nur entlangfahren musste.
Er räusperte sich, dann antwortete er auf Russisch: „Das ist unlogisch. Das Wort ‚alle‘ bedeutet im Deutschen jedes Element einer gegebenen Menge ohne Ausnahme. Wenn alle da sind, muss ich ja auch schon da sein, ebenso wie Sie auch. Sonst wären es ja nicht alle. Dann wären wir uns hier aber nicht begegnet.“
Es waren holprige Sätze geworden und er ärgerte sich darüber. Doch die erstaunt hochgezogene Augenbraue in ihrem schönen Gesicht tröstete ihn.
Sie warf ihre Haare über eine Schulter, neigte den Kopf zur anderen Seite und betrachtete ihn.
„Ein junger Philosoph unter den Tränen des Laurentius, der wahrscheinlich zum ersten Mal mit einer Russin spricht.“ Für einen winzigen Moment blieb ihr Blick an seiner Badehose hängen, dann schaute sie in den dunklen Himmel.
Zusammen mit einem plötzlichen Engegefühl, das von seiner Hose ausging, stieg Hitze in ihm auf und er wusste, dass sein Gesicht jetzt rot wurde. Noch eine von diesen ungewollten Reaktionen seines Körpers, die er nicht unter Kontrolle bekam.
Sie wies mit dem Finger nach oben, als hätte sie seine Verlegenheit nicht bemerkt. „Eine Laurentiusträne. Schau!“
„Das sind nur Mikrometeoriten, die sich durch die Reibung an der Luft erhitzen, dann glühen und schließlich zerspringen.“ Er schnaubte verächtlich. „Einen Zusammenhang zwischen ihnen und einem römischen Märtyrer herzustellen, der am zehnten August 258 nach Christus von Kaiser Valerian auf einem Rost mit glühenden Kohlen gefoltert worden sein soll, fällt nur dummen Menschen ein.“
„Oder Phantasievollen.“ Sie wirkte nicht gekränkt. „Und selbst wenn: Es ist immerhin eine schöne Geschichte.“
„Von Folter und Mord.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte sie ihn scharf an. „Wie alt bist du?“
„Alt genug.“
Sie fasste ihre Tasche fester und es schien, als wollte sie gehen. „Man sagt, dass demjenigen, der das Glück hat, eine solche Sternschnuppe zu erblicken, sein geheimster Wunsch erfüllt wird. Aber nur, wenn er ganz fest daran glaubt.“
Er lachte bitter. „Würde Glück alleine nicht schon genügen? Ein winziges bisschen, an das man sich, wenn man es schon nicht festhalten kann, wenigstens erinnern kann?“
Wieder sah sie ihn mit diesem nachdenklichen Blick an, bewegte den Arm, er versteifte sich und sie stoppte die Bewegung, Millimeter, bevor sie ihn berührte. „Du bist einsam“, stellte sie fest.
Er winkte ab: „Ich denke, Gesellschaft wird überbewertet.“
„Jeder andere hätte gesagt: Ich glaube ...“
Er lehnte sich mit seinem Po wieder gegen den Stein und wühlte mit den Zehen kleine Löcher in den feuchten Sand. „Hört sich das nicht viel besser an? Ich denke, statt: Ich glaube? Schließt das eine nicht das andere aus?“
„Aber Glaube, junger Philosoph, ist Hoffnung. Wissen ist Zweifel.“
Er fuhr mit dem Finger über seine Nase. „Anzahl der Menschen auf der Erde, die Größe ihrer bewohnbaren Oberfläche, Ihr Aussehen, vermutliche Herkunft und noch ein paar andere Fakten, die mir jetzt noch nicht klar sind, aber die man ganz sicher messen kann … dann kann ich berechnen, wie groß die Chance ist, dass ich Sie wiedersehe. Ergo: Wissen ist nicht Zweifel, sondern Hoffnung.“
„Du machst dir Hoffnung, mich wiederzusehen?“
Er senkte den Blick auf seine Zehen. „Es scheint mir keine verschwendete Zeit.“
Sie legte ihre Fingerspitzen an die Lippen, ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann stellte sie fest: „Du bist ungewöhnlich.“
Ein paar Atemzüge lang schwieg sie, als wüsste sie nicht, was sie als Nächstes tun oder sagen sollte. Dann wies sie zum Himmel. „Schau hin, da ist wieder eine!“
Er blickte hoch, und als die Träne des Laurentius verglühte, war sie aufgesprungen und schon ein paar Schritte weiter, bevor er es überhaupt bemerkte.
„Ich kenne nicht einmal Ihren Namen!“, rief er ihr hinterher.
„Ich bin eine Nymphe, die die Geliebte von Göttervater Zeus werden sollte. Doch stattdessen stürzte ich mich von einer Klippe ins Meer. Poseidon hat mich gerettet und so werde ich die Unbesiegbare genannt. Wenn dir Finsternis droht, dann rufe mich bei meinem wahren Namen und ich erhelle sie dir!“ Ihr Lachen klang wie das Läuten eines Glöckchens im Nebel.
Er schaute ihr so lange nach, bis eine Biegung des Ufers und der Wald sie seinem Blick entzogen, dann setzte er sich wieder auf seinen Stein und ließ die kleinen Wellen seine Füße umspülen. Er hätte gerne die Sterne geschaut, doch der Himmel war so schwarz, dass er nicht einmal die Wolken sehen konnte, die ihn erneut verdunkelten.
Sie ging noch einige Minuten weiter, bis die letzten Strandkörbe hinter ihr lagen. Mehrere Reihen von Sanddünen hatten sich hier über Tausenden von Jahren gebildet, hoch genug, dass jemand, der sich zwischen ihnen und dem auf ihnen wachsenden Strandhafer befand, vom Strand aus nicht mehr gesehen werden konnte. Sie schaute sich noch einmal gründlich um und huschte, als sie nichts sah und hörte, zwischen die Dünen.
Sie legte ihre Tasche neben sich, zog die Sandalen von den Füßen, ließ sich auf den Rücken sinken und schloss vor Erschöpfung die Augen. Mit der letzten Fähre hatte sie in Warnemünde über die Warnow übergesetzt und war von da zu Fuß den Strand entlanggelaufen, immer darauf bedacht, viel im Wasser zu gehen, um es Hunden schwerer zu machen, ihre Spur zu finden.
In ihrem sowjetischen Pass stand der Name Larissa Gromkowa und noch vor ein paar Tagen war sie trotz ihrer scheinbaren erst dreißig Jahre wegen ihres Wissens eine hochangesehene Onkologin und wegen ihrer Schönheit eine begehrte Frau gewesen. Beides hatte sie eingesetzt, um sich den Zugang zu einem geheimen Biowaffenprogramm in einem Laborkomplex in der Nähe von Leningrad zu verschaffen. Drei Jahre lang hatte ihre Tarnung gehalten, sie war Wissenschaftlerin, keine Expertin in verdeckter Kriegsführung — die Leute des KGB, die sie und die Wissenschaftler überwachten, schon.
Als sie begriffen hatte, dass ihre Tarnung kurz davor war, aufzufliegen, hatte sie einen Notruf abgesetzt, das Labor sabotiert, ebenso den Test mit dem Prototyp eines neuartigen Kampfstoffs und war mit dem Zug über Brest nach Berlin geflohen. Viel Hoffnung hatte sie nicht gehabt, dass sie den KGB lange genug an der Nase herumführen könnte, aber zwei Tage hätten ihr genügt, um die in Warnemünde wartende Time Bandit zu erreichen.
Doch das Schiff war nicht da gewesen. In einem kleinen Café auf der Warnemünder Hafenpromenade hatte sie ausgeharrt, Stunde um Stunde, doch statt die Time Bandit einlaufen zu sehen, hatte sie einen Mann erkannt, der zur Wachmannschaft des Laborkomplexes in der Nähe von Leningrad gehört hatte. Offenbar hatte sie trotz ihrer falschen Papiere eine Spur hinterlassen und das bedeutete auch, dass sie, selbst wenn die Time Bandit noch einliefe, keine Chance mehr gehabt hätte, die Hafenkontrollen mit diesen falschen Papieren zu passieren. Ihr blieb nur die Ausweichvariante. Schon während der Planung hatte sie gewusst, dass die Chance umzukommen weit höher war als die, zu überleben.
Der Lichtschein einer starken Lampe geisterte über den Strand. Sie machte sich so klein im Strandhafer, wie sie nur konnte, und zwang sich, ruhig zu atmen trotz ihres wild pochenden Herzens. Nach einigen Minuten verschwand der Lichtkegel und sie schätzte, dass sie jetzt mindestens eine Stunde hatte, bis die nächste Patrouille kam.
Kein Licht leuchtete auf dem Meer und das bedeutete, dass auch kein Schiff auf Reede vor Anker lag, das sie vielleicht hätte aufnehmen können, wenn sie es denn bis zu ihm schaffte. Die Tatsache nahm ihr die Entscheidung ab, denn wenn es eines gewesen wäre, auf dem die sowjetische Flagge geweht hätte, wäre ihre Flucht genau in dem Moment beendet gewesen. Man hätte sie ausgeliefert und dann hätte sie auch gleich am Strand sitzen bleiben und auf die Häscher des KGB warten können. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass die Time Bandit sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte und sie aus dem Wasser fischen würde, wenn sie es nur weit genug hinausschaffte.
Wie ein Klumpen verfaulender Seetang lag ihr die Angst im Magen. Am ganzen Körper zitternd, setzte sie sich in den Schneidersitz und zwang sich, nichts weiter zu tun als zu atmen. Bevor sie sich beruhigt und ihre Kräfte gesammelt hatte, wäre das, was sie vorhatte, Selbstmord gewesen.
Fast eine halbe Stunde harrte sie so aus, dann hob sie den Kopf aus dem Strandhafer. Dichte Wolken bedeckten den Himmel, kein Mond, keine Sterne – es wurde eine sehr dunkle Nacht. Sie steckte ihre Haare hoch und so fest, wie sie nur konnte. Die wasserdichte Hülle mit Dokumenten schob sie unter ihren Badeanzug, dann befestigte sie noch den Notsender an ihrem Oberarm. Es hatte keinen Sinn, ihn jetzt bereits einzuschalten. Sein Signal konnte von jeder Amateurfunkstation aufgefangen werden und es würde nicht nur der Time Bandit ihre Position verraten, sondern auch ihren Verfolgern. Erst wenn sie weit genug draußen war, würde sie das tun in der Hoffnung, dass Albina sie schneller aus dem Wasser fischte, als jemand an Land ein Boot zu ihrer Position schicken konnte. Oder bevor sie ertrank.
Flockiger Schaum schwamm auf dem Wasser am Ufer. Ohne zu zögern, trat sie hinein und warf noch einen letzten Blick auf die Lichter des Neptunhotels in Warnemünde und den Leuchtturm. Sein rotierender Lichtstrahl reichte weit auf das Meer hinaus, aber nicht herab bis auf die Wasserfläche. Von ihm drohte ihr die geringste Gefahr.
Sie wandte sich um und ging tiefer ins Wasser. Als es ihr bis zum Bauchnabel reichte, ließ sie sich ganz hineingleiten und schwamm mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen los.
Jemand packte ihn derb am Oberarm und Christian riss die Augen auf. Grelles Licht blendete sie, instinktiv spannte er die Oberschenkelmuskeln und drückte sich mit einem heftigen Ruck hoch. Der über ihn gebeugte Mann verlor sein Gleichgewicht, Christian drehte sich blitzschnell mit der Schulter in ihn hinein und setzte einen Armhebel an. Trotz seiner erst dreizehn Jahre wog er schon siebzig Kilogramm, war fast einen Meter und achtzig Zentimeter groß. Die Hebelwirkung würde den Rest erledigen …
Erst jetzt wurde er vollends wach, begriff, dass vor ihm zwei Soldaten der Grenzbrigade Küste standen ... und ließ los. Hätte er den Seoi Nage durchgezogen, wäre der Soldat von seinem eigenen Schmerz getrieben wie eine Rakete über ihn hinweggeflogen und auf den Rücken gekracht. Zwar hätte er sich im weichen Sand nicht das Rückgrat gebrochen, aber die Waffe auf seinem Rücken hätte für anständige blaue Flecken gesorgt.
Der Soldat taumelte verblüfft zurück, der andere riss seine Kalaschnikow von der Schulter.
Schnell hob Christian die Hände und machte einen Schritt am Stein vorbei rückwärts. „Entschuldigung, ich ... war eingeschlafen und dachte ... es wären meine Kumpel, die mich ins Wasser schmeißen wollen.“
„Um diese Zeit? Nach Sonnenuntergang habt ihr hier nichts mehr zu suchen!“ Der kleine Soldat hatte eine erstaunlich tiefe Stimme. „Du bist aber ganz schön aggressiv, Junge.“
„Ich hab mich nur erschreckt. Könnten Sie vielleicht ...“ Christian deutete auf die auf ihn gerichtete Maschinenpistole.
„Hast Schiss was? Dann treib dich nicht bei Nacht am Strand rum.“ Der Soldat hängte sich die Waffe wieder über die Schulter.
Der Größere streckte seine Hand aus. „Ausweis!“, bellte er.
Der Junge wies auf seine Badehose. „Fass mal 'n nackten Mann in die Tasche, Kumpel. Ich wohne gleich hier um die Ecke.“
„Pass auf, was du redest! Ich bin nicht dein Kumpel! Nach Sonnenuntergang am Strand und ohne Papiere. Mach ruhig weiter so.“ Der Soldat nestelte eine der Taschen in seiner Uniform auf und zog ein kleines Notizbuch hervor. „Name, Wohnadresse?“
„Christian Oldenburg. Ich wohne bei meiner Oma.“
„Wo genau?“
Christian sagte es ihm. Der Soldat schrieb die Angaben auf, klappte das Notizbuch zu und sagte kalt: „Du bist hiermit belehrt, dass du dich nach Sonnenuntergang nicht am Strand aufzuhalten hast. Morgen früh überprüfen wir deine Adresse und wenn sie nicht stimmt ...“ Er grinste hämisch und klatschte das Notizbuch in seine Handfläche. Es war ein hässliches Geräusch. „... bekommt deine Oma Besuch und dann wirst du gesucht. Wir schreiben nachher den Wachbericht. Jeder Name, der darin auftaucht, wird zu einer Akte. Du hast jetzt auch eine. Fängst früh mit Auffallen an, du kleiner Köter. Vielleicht hast du ja sogar schon eine. Und jetzt mach dich vom Acker, hast hier nichts mehr verloren.“
„Stimmt“, knurrte Christian. „Habs schon gefunden, bevor ihr Zinnsoldaten hier aufgetaucht seid.“
Er wollte gehen, da sagte der Kleine mit der tiefen Stimme: „Werd nicht pampig, sonst kassieren wir dich ein! Ist hier eine Frau vorbeigekommen?“
Einen Moment überlegte Christian, dann antwortete er: „Klar doch, jede Menge. Große, kleine, dicke, dünne, alte, junge, hübsche, hässliche ...“
„In der letzten halben Stunde, du Idiot! Groß, schlank, aber trotzdem kräftig, lange rote Locken, vielleicht auch hochgesteckt, so um die dreißig?“
„Ach die … klar … hat sogar mit mir gesprochen.“
Die beiden Soldaten sahen sich an. „Ich werd verrückt“, sagte der Größere von beiden. „In welche Richtung ist sie gegangen?“
„Nicht gegangen.“ Christian wies zum Wasser. „Wieder weggeschwommen.“
„Wieder? Was soll das heißen?“
„Na, da ist sie doch auch hergekommen. Aus dem Meer. Sie hat gesagt, dass Poseidon ihr das Leben gerettet hat. Wahrscheinlich ist sie wieder zu ihm geschwommen.“
„Poseidon, ja? Hat der ein Boot oder was?“
„Echt jetzt? Du kennst Poseidon nicht?“
„Ich kenn nicht jeden Fischer in dem Nest hier. Ich komme aus Berlin.“ Der große Soldat sagte es, als würde es ihn zu etwas Besonderem machen. Er schüttelte den Kopf und nestelte an seiner Brusttasche, in der das Notizbuch steckte. „Die genaue Adresse und der volle Name?“
Nichts in Christians Stimme verriet, wie wild sein Herz in der Brust hämmerte, als er beschloss, die beiden mit Maschinenpistolen bewaffneten Soldaten weiter zu reizen: „Na dann zum Mitmeißeln für euch Steinzeitmenschen: Poseidon ist der griechische Gott des Meeres, bei den Römern hieß er Neptun. Der Typ mit dem Dreizack. Er ist eine Legende, nichts weiter. Genau wie die Frau. Sie ist eine Nymphe: zur oberen Hälfte Mensch mit wunderschönen Haaren und einem Gesicht wie Milch und Honig, die untere Hälfte ein Fisch mit silbern glänzenden Schuppen und einer Perlenkette um den Schwanz. Ihre Adresse? Hier drinnen. Holt sie euch, wenn ihr könnt.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
Es dauerte einen Moment, dann machte der Größere einen drohenden Schritt auf Christian zu. „Du hast uns verarscht!“
Christian lachte böse. „Du bist ja gar nicht wenig dumm. Ich musste mich dazu nicht mal anstrengen, obwohl ihr die dicken Knarren habt und ich nur ein Hirn, in dem Meerjungfrauen umherschwimmen. Scheint da bei dir eine Proportionalität zu geben. Vermutlich indirekt. Muss ich mal die Wahrscheinlichkeit berechnen.“
„Hältst du mich für einen Idioten?“
„Das würde ich niemals sagen, nicht mal, wenn es wahr wäre. Vielleicht hat deine Mutti dich ein bisschen zu heiß gebadet, aber sonst ... Jedenfalls denke ich, je größer die Knarre, umso kleiner das Gehirn und du hast eine echt große Knarre.“
„Ich auch.“ Der Kleine nahm seine Kalaschnikow von der Schulter und entsicherte sie. Hart klang das metallische Klicken durch die Nacht. „Du willst es ja nicht anders. In der Zelle kannst du jede Wahrscheinlichkeit der Welt berechnen, du Freak. Mal sehen, ob du beim Leutnant auch noch so aufsässig bist. Los! Abmarsch!“
Einen Moment überlegte Christian, ob er die Situation noch eskalieren sollte, um die beiden Soldaten auch sicher von der weiteren Verfolgung abzuhalten, dann entschied er sich dagegen. Die Männer waren nervös genug und er traute ihnen durchaus zu, die Waffen einzusetzen. Selbst wenn es nur Warnschüsse gewesen wären — seine Großmutter hätte sie gehört, und er wollte sie nicht beunruhigen. Sie war alt und ihr Herz war schwach.
Er seufzte theatralisch und setzte sich in Richtung Markgrafenheide in Bewegung. Freak nennt er mich, dachte er. Dann hätte sie wohl gut zu mir gepasst. Aber Meerjungfrauen küssen nicht.
Die Unbesiegbare
August 1982 · OstseeDas Intercom summte. Immer noch mit geschlossenen Augen drückte Albina die Sprechtaste und fragte: „Ja?“
„Wir haben sie, Skipper.“ Nur weil sie ihren Ersten Offizier schon seit vielen Jahren kannte, hörte sie die unterdrückte Aufregung in seiner Stimme. „Sie hat ihren Notsender eingeschaltet.“
Mit einem Schlag war Albina hellwach. „Gott sei Dank! Position?“
„Eine Viertelseemeile von der Grenze der Dreimeilenzone entfernt.“
„Was? Sie sollte doch auf uns warten.“
„Vielleicht war das nur noch ihre einzige Option. Wir lagen nicht am Kai wie verabredet. Vielleicht wurde sie bereits verfolgt? Aber für ein Boot ist es zu langsam, es sei denn, es ist ein Ruderboot. Oder ...“ Der Erste Offizier machte eine bedeutungsvolle Pause.
Albina stöhnte: „Oder sie schwimmt.“ Scharf fragte sie: „Wie lange noch, bis sie die Seegrenze erreicht?“
„Etwa eine halbe Stunde, wenn sie so weiterschwimmt. Bei unserer derzeitigen Geschwindigkeit brauchen wir noch mindestens fünfzig Minuten.“ Er machte eine Pause, dann setzte er hinzu: „Wir wissen, wozu ihr Körper in der Lage ist, aber weiß sie es auch? Fliegen können wir noch nicht.“
Sie griff nach ihrem Zopf. „Doch, das können wir.“
„Ich weiß nicht, ob mir gefällt, was Sie da gerade denken, Skipper.“
„Mir auch nicht. Aber trotzdem: Gehen Sie mit den Turbinen auf einhundertzehn Prozent!“
„Aber Skipper ...“
Sie sprang auf. „Einhundertzehn Prozent für die Turbinen! Volle Beleuchtung und die Suchscheinwerfer voraus! Ich will, dass sie uns kommen sieht! Vielleicht hilft ihr das, durchzuhalten.“
Sie ließ die Sprechtaste los, warf einen schnellen Blick in den Spiegel, dann eilte sie zur Tür. Während sie die wenigen Schritte von ihrer Kabine bis zur Kommandobrücke hastete, wurde das leise Pfeifen der Turbinen höher und sie spürte, wie das Schiff beschleunigte. Der Erste Offizier hatte ihren Befehl ausführen lassen und damit war die Tarnung, die sie in den letzten zehn Jahren mühevoll aufgebaut hatte, zerrissen. Ab jetzt ging es nicht mehr nur um das Leben Larissa Gromkowas, sondern auch um das der Besatzung der Time Bandit.
„Ach Larissa, was hast du nur getan?“, seufzte Albina und riss die Tür zur Brücke auf.
Sie wusste nicht, dass eine freundliche Strömung sie unmerklich, aber beständig hinausgetragen hatte. Genauso wenig wusste sie, warum sie überhaupt noch lebte. Erst war die Kälte gekommen, war ihr unter die Haut gekrochen und ihr schien, als ränne flüssiges Eis statt Blut durch ihre Adern. Dann waren Krämpfe gekommen, in einer Intensität, wie sie es nie zuvor im Leben erlebt hatte. Jetzt fühlte sie weder ihre Arme noch ihre Beine und doch bewegten sie sich und verhinderten, dass sie ertrank. Etwas in ihr zwang sie dazu und sie wusste nicht einmal, was es war, denn ihr Kopf hatte schon längst aufgegeben.
Sie trieb auf dem Rücken und dass ihr Körper sie mit unbewussten, kleinen Bewegungen über Wasser hielt, nahm sie nicht einmal mehr wahr. Die Hoffnung, dass die Time Bandit sie noch retten würde, hatte sie verloren. Irgendwie hatte sie es vor einigen Minuten trotzdem geschafft, ihren Notsender einzuschalten. Die Bewegung der linken Hand zu ihrem rechten Oberarm hätte sie fast umgebracht. Es hatte den Schwimmrhythmus ihres Körpers gebrochen und sie war sofort untergegangen. Doch das gleiche Etwas in ihr, das ihr die Qual des Schwimmens befahl, hatte dafür gesorgt, dass sie sich wieder an die Oberfläche gekämpft und sich auf den Rücken gedreht hatte. Doch dazu fehlte ihr die Kraft.
Sie blickte in den Himmel, doch kein Stern tröstete sie mit seinem Funkeln. Alles, was sie sah, war Schwärze. Hätte sie noch die Energie gehabt, den Kopf zu heben, hätte sie vielleicht in der klaren Luft die Lichter von Warnemünde und den wandernden Schein des Leuchtturms sehen können. Aber ihr fehlte selbst dazu die Kraft und so blieb ihr nichts anderes, als darauf zu warten, dass ihr Körper auch diese kleinen Bewegungen einstellte, die ihn bis jetzt über Wasser gehalten hatten — und ihre unmenschliche Qual endlich ein Ende nahm.
So sah sie auch nicht, wie hinter ihr am Horizont ein Lichtpunkt erschien und sein Leuchten von Minute zu Minute stärker wurde.
Entgegen dem Pessimismus des Ingenieurs hatten die Turbinen ihre Aufgabe erledigt, ohne sich in ihre Bestandteile zu zerlegen. Jetzt lief die Time Bandit nur noch mit einem Viertel ihrer Kraft voraus und der Erste und der Zweite Offizier suchten von der Brücke aus mit Feldstechern das Meer nach Larissa ab. Jedes verfügbare Mitglied der Crew hatte Albina an Deck gescheucht, um ebenfalls Ausschau zu halten. Sie konnte nur hoffen, dass sie Larissa schnell genug fänden und verschwunden wären, bevor ein Grenzschutzboot der DDR aufkreuzte.
Den Funker hatte sie angewiesen, auf jede Anfrage mit derselben Auskunft zu reagieren: Ruderschaden, baldige Behebung, Fortsetzung der Fahrt aus eigener Kraft. Für jemanden, der nicht so genau hinsah, würde das immerhin erklären, warum die Time Bandit Kreise fuhr.
„Fünfzehn Grad Backbord, 400 Meter“, sagte der Erste Offizier leise, setzte sein Glas ab und hielt es Albina hin. Mit einem Schritt war sie bei ihm, blickte selbst hindurch und tatsächlich sah sie im Licht des Suchscheinwerfers einen Körper im Wasser treiben. Sie zögerte keine Sekunde.
„Fünfzehn Grad Backbord!“
Der Mann am Steuerrad wiederholte den Befehl. Eine Minute später sagte er: „Kurs liegt an!“
„Maschinen stopp!“
Einen Atemzug später kam die Antwort: „Sind gestoppt!“
Die Masse der Time Bandit von über dreizehntausend Tonnen erledigte den Rest. Immer langsamer werdend, trieb sie auf Larissa zu und die Suchscheinwerfer entließen ihren Körper keine Sekunde mehr aus ihrem Licht.
Auf Deck wurden Kommandos gebrüllt, dann wurde ein Netz auf der Backbordseite herabgelassen. Zwei Männer sprangen ins Wasser und hielten sich an dem Netz fest, bereit, Larissa einen Rettungsring überzuwerfen und an Bord zu holen, sobald sie in ihre Reichweite kam.
„Was ist das?“
Albina zeigte auf den Radarschirm. Zwei grüne Punkte bewegten sich auf die Time Bandit zu. Im gleichen Moment flammte am Ufer helles Licht auf, erst einer und kurz darauf ein zweiter dicker Strahl wanderte zum Himmel, bewegte sich hin und her, senkte sich und dann war die Time Bandit plötzlich in gleißende Helle getaucht.
„Die Flakscheinwerfer der Küstenwache. Verd...“ Der erste Offizier sprang zum Radar, studierte das Bild ein paar Sekunden, dann knurrte er: „Der kleine Punkt könnte ein Schnellboot sein. Das braucht höchstens noch fünf Minuten, bis es hier ist, der Zweite ist ein dicker Brummer, ein MSR-Schiff der Grenzbrigade Küste vielleicht. Oder Schlimmeres.“ Er blickte Albina an und der Vorwurf in seinem Blick war unübersehbar. „Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, kommen da mindestens zwei 25-Millimeter-Maschinenkanonen auf uns zu. Und bei der klaren Luft halten uns die Flakscheinwerfer von Land wenigstens fünfzehn Kilometer im Fokus. Wenn die es ernst meinen, wird das wie ein Tontaubenschießen.“
Der Funker stürmte herein: „Wir werden aufgefordert, die Maschinen zu stoppen und beizudrehen.“
„Und der Mond ist aus grünem Käse.“ Albina blickte nach vorn. Der Kurs des Schiffes stimmte, es fehlten nur noch knapp einhundert Meter, dann würde Larissa gerade so an der Steuerbordseite vorbeitreiben. Aber die Time Bandit kroch nur noch durchs Wasser und würde Minuten für diesen Katzensprung benötigen. Minuten, die sie nicht mehr hatten.
Sie schaute ihren Ersten Offizier an. „Gehen Sie nach unten, Wassili. Wir nehmen sie in Fahrt auf. Wir haben nur diesen einen Versuch. Und lassen Sie die amerikanische Flagge setzen! Wollen doch mal sehen, ob sie sich trauen, darauf zu schießen.“
Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da sprang er schon zur Tür, während sie am Steuerpult die Diesel auf zehn Prozent brachte. Dann öffnete sie das Fenster auf der Backbordseite. Zusammen mit der Stimme ihres Ersten Offiziers, der Befehle brüllte, schwappte ein Schwall feuchter Luft herein.
„Fünf Grad Steuerbord!“, befahl sie und warf einen Blick aus dem Fenster auf das Deck.
„Fünf Grad Steuerbord, Aye Skipper.“ Dem Steuermann stand Schweiß auf der Stirn, aber seine Stimme klang ruhig.
Sie drückte einen Knopf des Intercoms. „Maschinenraum hier“, klang es aus dem Lautsprecher.
„Wir werden gleich auf volle Kraft gehen. Diesel und Turbinen!“
„Aber ...“
„Brücke Ende!“
Das hochfrequente Kreischen eines Motors drang durch das Fenster herein. Albina schaute in Richtung des Geräusches, doch es kam genau aus dem Licht der Flakscheinwerfer an Land und geblendet kniff sie die Augen zu.
Die Männer im Wasser hatten bereits den Rettungsring um den leblos vorbeitreibenden Körper Larissas gelegt und hielten sich mit der anderen Hand an dem von der Bordwand herunterhängenden Netz fest, da schoss aus dem Licht ein großes schwarzes Schlauchboot auf sie zu. Im letzten Moment reduzierte es seine Geschwindigkeit, einer der beiden Männer in dem Boot beugte sich zur Seite, griff nach dem Rettungsring um Larissas Körper und versuchte, sie an Bord zu zerren. Doch das Boot war zu schnell, Larissas Körper zu schwer und so musste er sein Opfer wieder loslassen, wollte er nicht über Bord gehen.
Ohne dass Wassili es hätte befehlen müssen, kletterten hastig weitere Männer vom Deck der Time Bandit in das Rettungsnetz, während das Schlauchboot wendete und erneut heranschoss. Gerade noch rechtzeitig rissen sie Larissas Körper aus dem Wasser, weitere Hände packten von oben zu und zerrten sie auf das Deck der Time Bandit. Im gleichen Augenblick drehte der Erste Offizier seinen Kopf zu der aus dem Fenster der Kommandobrücke blickenden Albina und brüllte: „Jetzt!“
Schon als er den Mund geöffnet hatte, war sie zum Steuerpult gesprungen. Mit einem Knopfdruck entfesselte sie die neunzigtausend PS der Motoren, Wasser wirbelte am Heck auf und die Time Bandit schien einen Sprung zu machen.
„Kurs Nord-Nord-West!“, sagte sie ruhig.
„Nord-Nord-West, Aye Skipper.“ Der Steuermann wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Albina stellte sich wieder ans Fenster. Larissa war auf eine Trage gebettet worden und Nicos kniete mit seinem Assistenten neben ihr. Als hätte er Albinas Blick gespürt, schaute er nach oben. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke, dann nickte er mit vor Sorgen gefurchter Stirn, aber einem Lächeln im Gesicht.
Sie griff sich ans Herz und hielt sich mit der anderen Hand am Steuerpult fest.
„Skipper?“ Der Zweite Offizier, der die ganze Zeit das Radar beobachtet hatte, sprang zu ihr.
„Schon gut.“ Abwehrend hob sie die Hand, bevor er sie berühren konnte. „Ich muss mich nur einen Moment hinsetzen.“
Da flammte in schneller Folge ein Blitzlicht auf. Es kam von dem schwarzen Schlauchboot, das neben der Time Bandit herfuhr. Der Mann, der nach Larissa gegriffen hatte, schoss Foto um Foto mit durchgedrücktem Auslöser, bis der Film leer war. Dann drehte das Boot ab und verschwand aus dem Lichtkegel der Flakscheinwerfer vom Ufer.
„Jetzt haben die doch tatsächlich ein Foto von mir.“ Fassungslos schüttelte Albina ihr graues Haupt, griff nach der Hand des Zweiten Offiziers und ließ sich von ihm zum Kapitänssessel bringen.
Sie ließ sich hineinsinken, stützte ihren Kopf in die Hände und murmelte wieder: „Larissa, was hast du nur angerichtet?“
Als das Telefon klingelte, war der Mann sofort wach. Elastisch sprang er von seinem Feldbett auf. Er hatte es vor zwei Tagen in sein schmuckloses Dienstzimmer in der Moskauer Lubjanka stellen lassen und seither den Raum nicht mehr verlassen.
„Ja“, sagte er nur in den Hörer.
„Sie ist an Bord eines amerikanischen Schiffes entkommen, Genosse Oberst.“
Die Kälte sibirischer Winternächte klirrte in der Stimme von Oberst Maximow: „Das MSR-Schiff?“
„War nicht schnell genug.“
Die Antwort war ein Wort, das in jeder Sprache die gleiche Bedeutung hatte: „Ебать!“ Der Oberst knallte den Hörer auf die Gabel.
Erinnerung an die Zukunft
Time Bandit II, Ostsee · Markgrafenheide, August 1982Mit einem sanften roten Glühen kündigte die Sonne ihr Erscheinen über der Ostsee an. Albina richtete ihren Blick dorthin, wo in wenigen Minuten der Rand der Sonne scheinbar aus dem Wasser auftauchen und der Erde Licht und Wärme spenden würde, wie sie das seit mehr als drei Milliarden Jahren getan hatte. Leben wäre ohne sie undenkbar, auch wenn es jung und das der Menschen nur einen Wimpernschlag alt war. Würde man das Leben auf der Erde in einem Buch mit eintausend Seiten dokumentieren, wären die ersten siebenhundert Seiten eine Geschichte über Einzeller. Erst auf Seite neunhundertsechzig wäre der Landgang des ersten Fisches verzeichnet. Die gesamte Geschichte des Menschen selbst würde auf diesen eintausend Seiten gerade mal ausreichen, um auf der allerletzten Seite einige wenige Zeilen zu füllen.
Die Angst, dass das letzte Wort der letzten Zeile im Buch des Lebens am sechzehnten Juli 1945 begonnen worden war und es Auslöschung hieß, Selbstmord einer ganzen, vorgeblich intelligenten Spezies, ließ sie seit damals nur noch selten durchschlafen. Die meisten Menschen erinnerten sich an ihre Vergangenheit und träumten von einer lichten Zukunft. Sie erinnerte sich an die Zukunft und deren Schrecken war es, der sie so manche Nacht mit jähem Schrei aus dem Schlaf fahren ließ.
Als junge Kernphysikerin und unter falschem Namen war sie dabei gewesen damals, als auf dem Gelände der White Sands Missile Range in der Nähe der Stadt Alamogordo in New Mexico unter dem Namen Trinity-Test der erste Atombombenversuch der Menschheit stattgefunden hatte. Die Detonation war so gewaltig gewesen, dass alle Seismographen rund um die Erde die Schockwellen aufgefangen hatten. Sie wusste, dass selbst kilometertief unter dem Eis der Antarktis biologische Messinstrumente das künstliche Beben registriert hatten.
Es hätte das Tor zum Fortschritt sein können, zu Energie ohne Ende und zu einer blühenden Welt. Doch nur knapp einen Monat später, am sechsten August, als die Bombe über Hiroshima detonierte und achtzigtausend Menschen im Bruchteil einer Sekunde verglüht waren durch den simplen Befehl von Harry S. Truman, hatte Albina begriffen, dass sie stattdessen am Tor zur Hölle mitgebaut hatte.
Es klopfte an ihre Tür. Sie schüttelte die Erinnerung ab, rückte die weiße Kapitänsmütze auf ihren grauen Haaren zurecht und reckte sich, dass ihre Gelenke knackten. „Herein!“, fauchte sie und fragte sich im gleichen Moment, woher sie wusste, wer vor ihrer Tür stand. Andererseits war die Auswahl derer, die morgens um fünf an ihre Tür klopfen würden, nicht allzu groß. Hätte es etwas auf der Brücke gegeben, hätte man sie über das Intercom gerufen.
„Sie schläft.“ Geräuschlos schloss der Schiffsarzt die Tür. „Sie hat nach dir gefragt. Willst du nicht wenigstens einmal nach ihr sehen?“
„Wenn ich wissen will, wie sie aussieht, muss ich nur in den Spiegel gucken und mich erinnern!“
Auch wenn er es als Privileg betrachtete, dass sie ihm gegenüber ihre Gefühle offenbarte, machte er doch das gleiche Gesicht, das auch ein Eiswürfel in seinem Hemdkragen hervorgerufen hätte. Er zwang sich zur Ruhe. „Welchem mir nicht bekannten Umstand verdankt meine Patientin deinen Zorn?“
Harsch widersprach sie: „Sie ist keine Patientin, sie ist nicht einmal ...“ Sie winkte ab. „Sie ist eine Investition, mehr nicht.“
„Für die du alles riskiert hast, um sie zu retten.“ Ein nachsichtiges Lächeln kräuselte die Lippen des Schiffsarztes.
Ihr Ton wurde noch schärfer. „Sie hat gepfuscht. Der von ihr gelegte Brand im Laborkomplex mag vielleicht alle Unterlagen und Forschungsergebnisse vernichtet haben, aber Boris Orstchov hat überlebt und offenbar die Verwirrung genutzt, um sich nach Oslo abzusetzen. Vor einer Stunde kam die Nachricht herein. Er wird dort neue Herren finden und wieder von vorne anfangen. Nicht genug damit, liegt irgendwo in der Ostsee ein nicht detonierter Torpedo herum, dessen Ladung ein hochaggressiver Kampfstoff ist, und ich wage nicht einmal, mir auszumalen, was geschieht, wenn ihn die falschen Leute finden. Unser Schiff ist durch die Rettungsaktion kompromittiert worden, ich ebenfalls und damit auch alles, was ich in den letzten fünfunddreißig Jahren aufgebaut habe. Viel mehr Schaden hätte sie nicht einmal mit voller Absicht anrichten können.“
„Sie ist Wissenschaftlerin, keine Terroristin“, erwiderte er. „Und dass es offenbar keine Toten gab, zeugt für mich von ihrer Umsicht. Du solltest stolz auf sie sein.“
„Ach, tatsächlich?“ Sie drehte den Kopf und der Blick, den sie ihm zuwarf, hätte Stahl Blasen werfen lassen. „Wir sind erledigt und können nach Hause gehen. Wo auch immer wir jetzt noch eins haben.“
Verbittert wies sie auf den Stapel von Papieren, den sie bei Larissa gefunden hatten. „Und das Einzige, was wir dafür bekommen haben, sind Formeln. Orstschovs Büchse der Pandora!“
Mit jedem Wort war sie lauter geworden, jetzt schrie sie: „Sie sollte den Kampfstoff vernichten und den Kopf, der ihn ausgebrütet hat, abschlagen! Sie hat sich geweigert! Mir ins Gesicht gesagt, dass sie keine Mörderin sei! Als ob das Ding so etwas beurteilen könnte! Er ist ein Ungeheuer und so etwas zertritt man! Da, da draußen ... schau hin!“
Ihn mit einer Hand an der Schulter packend, wies sie mit der anderen auf die gerade aufgehende Sonne. „Sind zwei Feuerbälle und Millionen Tote nicht genug?!“
Sie stieß ihn weg, riss die Papiere vom Tisch und warf sie in die Luft. „Was ist das hier? Das Ergebnis von drei Jahren Arbeit an einem Monster unter freundlicher Mithilfe der Besatzung der Time Bandit? Sollen wir uns die Wände damit tapezieren oder was? Wofür ...“ Sie wankte und griff nach der Lehne ihres Sessels vor dem Schreibtisch.
„Ruhig, ganz ruhig. Du bist keine sechzig mehr.“ Er streckte den Arm aus, um sie zu stützen, doch sie zischte: „Lass mich!“, und ließ sich in ihren Sessel sinken. Die Arme auf die Tischplatte gelegt, starrte sie mit gesenktem Kopf auf das Wurzelholz.
Er hockte sich hin, sammelte die verstreuten Papiere ein und dachte dabei an das Gespräch, das sie vor langer Zeit hier in diesem Raum mit ihm geführt hatte. „Onkologie, Genetik, viele Jahre Ärzte ohne Grenzen – Sie haben eine beeindruckende Reputation“, hatte sie gesagt. „Ich habe ein Schiff voller Forschungslabors, die leider immer mehr unterbesetzt sind, ebenso wie meine bestens ausgestattete medizinische Abteilung.“
Sie hatte ihn lange angesehen, und er wusste, dass sie nach einer Formulierung suchte, die es ihm ermöglichen würde, von Bord zu gehen, ohne ihr Geheimnis zu verraten. Schließlich hatte sie gesagt: „Unsere Auftraggeber erwarten von uns, dass wir Einfluss auf die Entwicklung von Waffen nehmen. Ihre Erprobung verzögern, sabotieren, wenn nötig auch Forschungsunterlagen vernichten.“
„Ost oder West?“
„Macht es für Sie einen Unterschied, ob die Kugel, die einen Menschen tötet, die Krankheit, der er erliegt, oder der Kampfstoff, der seine Augen zerfrisst, in der Sowjetunion oder in England hergestellt wurde?“
„Ihr nicht namentlich genannter Philanthrop heißt nicht zufälligerweise Gott?“, hatte er launig gefragt.
Sie hatte nur gelacht, als sie ihm die Hand gereicht hatte, und er hatte festgestellt, dass er es mochte. Und er mochte es immer noch, obwohl sie mit dem Mordauftrag an Larissa gegen ihren eigenen Kodex verstoßen hatte. Sie war gar nicht wütend auf Larissa und wenn doch, dann nur, weil sie die Projektionsfläche von Albinas Zorn auf sich selbst war.
Er richtete sich auf, legte den Stapel Papiere in die Mitte des Tisches und reichte ihr sein Taschentuch. „Die Luft ist ziemlich trocken hier, das reizt die Augen. Deine sind schon ganz rot. Ich würde sogar sagen, ein wenig nass.“
„Das ist nicht wahr!“, fauchte sie, nahm es aber trotzdem, tupfte sich ihre Augenwinkel, dann knüllte sie es in der Hand zusammen und erlaubte sich eine Bemerkung, die weder zu Albina R. Devereaux noch zum Kapitän eines Schiffes mit mehr als einhundert Männern und Frauen passte, von denen auch nach vielen gemeinsamen Jahren nicht einmal eine Handvoll es wagten, sie unter vier Augen zu duzen: „Sie ist ein blödes Ding!“
„Was denn nun? Ding oder Investition?“
„Beides!“
Er schmunzelte. „Und warum hast du es - ich bevorzuge ja ‚sie‘ – dann gerettet?“
Niemand hatte von dem Befehl gewusst, auch Nicos nicht und wenn Albina Larissa hätte ertrinken lassen, hätte auch niemand davon erfahren. Er konnte sich die Antwort denken, doch er wollte es von ihr hören.
„Nicht, dass ich das nicht in Erwägung gezogen hätte.“ Sie tupfte sich noch einmal die Augenlider mit seinem Taschentuch, diesmal auffallend gründlich. „Es war mein Spiegel, weißt du? Die Frau, die ich darin sah, war genau so geworden, wie die, die sie bekämpfte. Ich hasste sie und da wusste ich, dass Larissa jedes Risiko wert war. Ich habe nicht sie gerettet, sondern mich. Dieses blöde Ding!“ Sie atmete tief ein und straffte sich. „Wehe, wenn du es ihr sagst!“
„Ich glaube, du unterschätzt sie immer noch.“
„Ich kenne Deine Meinung, aber ich bin mir da nicht sicher, selbst jetzt noch nicht.“
Ein kleines Grinsen schlich sich auf sein Gesicht und er sah sie mit viel Zärtlichkeit an. Bevor sie es bemerken konnte, wurde er sachlich. „Dein Mordauftrag war Murks und vor so etwas hatte ich dich schon damals gewarnt. Intelligenz und freier Wille gehören zusammen. Alles andere ist Sklaverei und jeder Sklave rebelliert irgendwann gegen seinen Herren. Gerade du solltest das doch wohl wissen.“
Albina zog die Stirn kraus. „Was soll das heißen?“
Er wies mit der Hand auf den hellen Streifen über dem Meer. „Korrigiere mich, aber hast du Stalin damals nicht den Gehorsam verweigert, weil du wusstest, dass er deine Arbeit in Los Alamos benutzt hätte, um selbst die Bombe bauen zu können?“
„Irgendwann lasse ich dir doch noch den Mund zunähen“, drohte sie.
Lässig winkte er ab. „Und was, bitteschön, willst du dazu benutzen, wenn die einzigen fähigen Hände für so etwas auf diesem Schiff meine sind?“
„Einen Presslufttacker?“, schlug sie vor. „Rostige Krampen? Das kann dann auch einer von den Schiffsingenieuren erledigen. Aber lass uns hier nicht herumalbern. Wie du schon sagtest: Wir sind keine sechzig mehr. Außerdem war es nicht Stalin, sondern Berija.“ Sie wies mit der Hand auf die Dokumente. „Das da ist dann zwar nicht die Büchse der Pandora, aber was machen wir jetzt damit? Auf diesem Schiff gibt es keine Waffen und ich will auch keine auf Papier hier haben.“
„Ist es denn eine Waffe?“ Er zog die Schultern hoch. „Wärest du einmal auf dem Olymp gewesen, wüsstest du, dass die Geschichte von Pandora eine ganz andere Bedeutung hat, als die meisten Menschen glauben.“
Eine Zornfalte erschien auf ihrer Stirn. „Sei nicht so überheblich, nur weil ich in einem Dorf am Kap Deschnjow am nördlichen Polarkreis geboren worden bin und nicht in Athen wie du! Die Eisberge da sind nicht viel kleiner als dein Olymp.“
„Dann erzähl mir die Geschichte, wie du sie verstehst.“
„Du bist nicht in der Position, mich zu schulmeistern!“
Aus dem roten Glühen am Horizont verirrte sich ein erster Sonnenstrahl in die Kabine. Reinweißer Calacatta-Vagli-Marmor an den Wänden, von zarten Bernstein- und Goldadern durchzogen, leuchtete auf und der ganze Raum schien plötzlich in Flammen zu stehen. Das Wasser spiegelte die Sonnenstrahlen und selbst die Luft schien in den Lichtkaskaden ein ganz besonderes Leuchten zu besitzen. Mit jeder Sekunde gewann die aufsteigende Sonne an Kraft und verwandelte die Kapitänskajüte in das strahlenfunkelnde Innere eines Brillanten.
„Wie wunderbar!“, flüsterte der alte Grieche und betrachtete das Spiel des Lichts auf der Kommandobrücke. Er stand auf, damit sie sein Lächeln nicht sah, und stellte sich wie sie vorher ans Fenster.
In seinem Rücken sagte Albina trocken: „Jede Medaille hat immer zwei Seiten und nur, wenn man beide sieht, kann man die richtigen Entscheidungen treffen. Sie spendet Wärme und damit Leben, ja, aber in ihr lodern Kräfte, für deren Beherrschung wir nicht reif sind.“
„Und es niemals sein werden, denkst du. Vielleicht hast du sogar recht.“ Eine Wolke schob sich vor die Sonne und er begann mit dem ihm eigenen ironischen Unterton zu erzählen: „Prometheus klaute den Göttern das Feuer, brachte es den Menschen und zur Strafe ließ Zeus ihn an die Felsen des Kaukasus ketten und jeden Tag von einem Adler seine Leber verputzen. Für die Menschen hatte sich Zeus eine andere Strafe einfallen lassen: Er schuf die schöne, intelligente und liebreizende Pandora, und gab ihr eine Büchse.“
Er grinste. „Ähnlichkeiten mit lebenden und auf diesem Schiff anwesenden … äh … Personen sind rein zufällig. Alle Laster und Untugenden schrien Halleluja und gaben Fersengeld, als Pandora die Büchse in der Hochzeitsnacht öffnete. Sie schlug den Deckel wieder zu und so blieb die Hoffnung drin, weil sie immer so lange braucht, bis sie zu Potte kommt. So wurde die Welt ein trostloser Ort, weil die Hoffnung für immer in Pandoras Büchse weggesperrt ist.“
Er drehte sich wieder zu ihr. „Jetzt liegt sie da vor dir auf dem Tisch, sagst du und verstehst es trotzdem nicht. Ist das nicht witzig?“
Sie gab mit ihren Fingern ein zorniges Trommelkonzert auf der Tischplatte. „Nur weil du meine Tränen gesehen hast, berechtigt dich das noch lange nicht, dich über mich lustig zu machen. Hast du das verstanden, Nicos Venizialos? Nichts an dem, worüber wir uns gerade unterhalten, ist in irgendeiner Form lustig. Gar nichts!“
Nicht im Geringsten eingeschüchtert, erwiderte er: „Und trotzdem wirst du gleich lächeln.“
Das Trommelkonzert ging in ein Stakkato über und er sagte schnell: „Du hast es selbst gesagt: Die Hoffnung ist in Pandoras Box eingesperrt und da liegt sie vor dir. Ist das nicht witzig?“
Kalt sagte sie: „Siehst du mich lächeln?“
Er seufzte, dann zeigte er auf die Papiere auf dem Tisch. „Ich habe sie mir angesehen, während ich an ihrem Bett gesessen habe. Das sind nicht die Unterlagen von Orstchov, sondern die von Larissa. Ich weiß nicht, warum du den Kampfstoff von Orstchov für so gefährlich hältst, dass du deswegen alle deine Prinzipien über den Haufen wirfst, aber eines weiß ich: Mit dem, was in diesen Unterlagen steht, kann er ihn sich in die Haare schmieren.“
„Das heißt?“
„Larissa hat an einem Medikament gegen Leukämie geforscht und dabei offenbar ein Gegenmittel für die Wirkung von Orstchovs Kampfstoff gefunden. Das hier ist es.“
Er schob den Stapel zu ihr hinüber. „Die Büchse der Pandora. Öffne sie, und du findest die Hoffnung darin.“
Er erhob sich. „Als dein Schiffsarzt darf ich dir empfehlen, noch ein wenig zu schlafen. Ich denke, du wirst dich danach etwas besser fühlen. Ich schau noch einmal nach unserem Wunderkind, dann lege ich mich auch hin.“
„Warte!“ Es war ein Befehl, schnell und scharf ausgesprochen, wie sie es schon unzählige Male getan hatte, und trotzdem klang noch etwas darin, was Nicos – nein, noch niemand auf diesem Schiff – je von Albina gehört hatte: eine Spur von Unsicherheit.
Sie knetete ihre Hände. „Ich komme mit. Aber nicht so.“
Ehe er etwas sagen konnte, verschwand sie im Bad. Als sie zurückkehrte, trug sie ihre Haare offen, hatte sich leicht geschminkt und sah so frisch aus, wie sie jeder hier auf dem Schiff kannte. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine Tür und gab einen Code an dem Kombinationsschloss dahinter ein. Aus dem Geheimfach nahm sie eine Schatulle, verschloss Safe und Tür wieder und reichte sie Nicos. „Ich werde es ihr sagen. Sie muss wissen, was sie ...“ Sie unterbrach sich, seufzte, schüttelte den Kopf und setzte fort: „Nein, wer sie ist. Ich denke, du hast wohl recht: Es ist nicht die Art unserer Herkunft, die uns definiert.“
Langsam klappte er das kleine Kästchen auf. Eine silbern glänzende Kette lag darin. Sie sah alt aus und doch gleichzeitig, als wäre sie gestern erst angefertigt worden. Jedes ihrer Glieder war ein filigran gearbeiteter, winziger Drache, der sich in seinen Schwanz verbissen hatte. Ein kleiner, vielleicht daumennagelgroßer, elfenbeinfarbener Stein bildete den Anhänger und Nicos wusste, dass ein sanftes rotes Licht in ihm zu pulsieren beginnen würde, sobald die Kette sich um den Hals von Larissa geschlossen hatte.
Albina nahm ihm das Kästchen wieder aus der Hand und klappte es zu. „Und jeder Mensch braucht ein Zuhause.“
Die Ladefläche des Ural roch nach Diesel und nassem Metall. Christian saß auf der Holzbank, die Hände vor dem Körper gefesselt. Die Handschellen waren nicht nötig, das wussten alle Beteiligten, aber der Unteroffizier hatte sich ein Grinsen nicht verkneifen können, als er sie klicken ließ. Sie hatten ihm eine schwarze Arbeitskombi und ein Paar alte Stiefel gegeben, damit er die Nacht in der Zelle in seiner Badehose nicht zu sehr fror. Seine Großmutter hatten sie nicht benachrichtigt, aber wenigstens die Dienststelle seines Vaters in Berlin.
Durch die Plane sah er nichts. Er hörte die Bäume, das Geräusch des Schotterwegs, der in den Asphalt überging. Er kannte die Kurven im Schlaf, er war sie hundertmal mit dem Fahrrad gefahren. An der letzten Biegung wusste er, dass sie fast da waren.
Der Ural hielt.
Er wurde von der Ladefläche gestoßen, nicht grob, aber mit der Nachlässigkeit, die deutlicher ist als jede Absicht. Der kleine Soldat mit der tiefen Stimme stand an der Fahrertür. Der Große lehnte am Kotflügel.
Seine Großmutter stand auf der Veranda.
Sie hatte ihn offenbar schon seit der letzten Kurve kommen sehen. Er sah, wie ihre Hand nach dem Holzgeländer griff, als das Bild in ihrem Kopf zu einem vollständigen wurde: Schwarze Kombi. Handschellen. Zwei Soldaten, ein Unteroffizier und der Fahrer im Ural.
Ihr Gesicht veränderte sich auf eine Weise, die er nie vergessen würde. Sie sackte gegen das Geländer, dann weg davon, und er fing an zu laufen. Die Handschellen schlugen gegen seinen Bauch, und trotzdem war er schnell genug, um ihre Knie abzufangen und den Sturz abzumildern. Dann saß er im Gras vor der Veranda mit ihrem Kopf in seinem Schoß und sie atmete noch, flach und unregelmäßig, und er sah in ihrem Blick, dass sie ihn nicht mehr sah.
Er legte die gefesselten Hände auf ihre Wange.
Das Atmen hörte auf.
Er saß still. Er wusste, wann er den Tod sah. Er hatte ihn schon gesehen.
Der Unteroffizier rief etwas. Der kleinere der beiden Soldaten, der mit der tiefen Stimme, kam herüber und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Christian stand auf. Sehr ruhig, sehr langsam. Wie jemand, der aus einem tiefen Schlaf erwacht. Sein Körper hatte aufgehört, auf seinen Kopf zu hören. Er schätzte Entfernungen, Winkel, Zeiten und Schritte. Im Bruchteil einer Sekunde, intuitiv.
Ein Tritt zwischen die Beine des Soldaten ließ dessen Kopf und Oberkörper nach vorn klappen, hinein in die vorgestreckten, mit den Handschellen verbundenen Hände Christians. Ein Vorwärtssalto aus dem Stand über den Soldaten hinweg und trocken knackten gebrochene Nackenwirbel. Keine Frage des Alters, nur Beweglichkeit, Training, Physik und Biomechanik.
In den Knien federnd kam er wieder auf und ließ sich vom Schwung weitertragen zum zweiten Soldaten, der noch nicht einmal die Kalaschnikow ganz von der Schulter gerissen hatte. Christian wandelte seine Vorwärtsbewegung in eine volle Körperdrehung, fegte ihm mit demselben Schwung die Beine weg, fand festen Stand und zertrümmerte mit einem Tritt der Stiefel, die man ihm gegeben hatte, den Kehlkopf des Soldaten.
Dann starrte er den Unteroffizier an. Der hatte blankes Entsetzen im Gesicht und wusste offensichtlich nicht, was er tun konnte.
Zehn Meter, dachte Christian. Zehn Meter zwischen Tod und Leben, und: Es sollte nicht so leicht sein. Er verzog das Gesicht und wenn es ein Lächeln war, dann gehörte es einem Wesen aus dem tiefsten Abgrund des Ozeans.
Er ging vorwärts, ohne dem Sterbenden neben sich auch nur noch einen Blick zu widmen.
Die Tür des Urals ging auf, der Fahrer sprang heraus und stellte sich neben den Unteroffizier. Noch eine Tür klappte, und Christian blieb stehen. Er hatte das Auto schon seit einigen Sekunden gehört, bevor er es bewusst wahrgenommen hatte – ein Wartburg, zu schnell für diese Straße, die Bremsen zu spät betätigt. Schotter unter dem Unterboden.
Sein Vater stieg aus, wie immer trug er seine schwarze Lederjacke. Er hatte Bartstoppeln im Gesicht, und das bedeutete, er war die ganze Nacht gefahren. Er sah Christian an, dann den Soldaten mit dem unnatürlich verdrehten Kopf, dann den auf dem Boden röchelnden. Er warf einen langen Blick auf seine tote Mutter.
Wortlos stellte er sich vor den Unteroffizier.
Christian nickte. Er hatte es nicht anders erwartet, und setzte sich in Bewegung. Er sah die Hüftrotation, sah die Ausholbewegung des Arms, die Spannung und Krümmung der Hand. Vier Möglichkeiten, einem Shutô Uchi zu begegnen, der sein Bewusstsein auslöschen würde — sein Vater hatte sie mit ihm trainiert. So wählte er die Fünfte: Er blieb einfach stehen.
Er lag im Gras und hörte das Blut in seinem Kopf. Irgendwo über ihm redete sein Vater mit dem Unteroffizier. Die Stimme war ruhig und kalt und sehr präzise. Christian schloss die Augen.
Es war ein früher Morgen. Fast lautlos glitt die Time Bandit II durch den Drøbaksund. Der Fjord war hier so schmal, dass man einen Stein an beide Ufer hätte werfen können, und das Wasser zwischen den Felsen stand still wie ein Spiegel, dunkel und tief und von der Farbe nassen Schiefers. Auf beiden Seiten wuchsen Kiefern aus den Felsen, so nah am Wasser, als würden sie trinken, und die Luft roch nach Salz und Harz und dem ersten Herbst.
Albina schlang sich den groben Wollschal enger um Kopf und Hals. Der Wind war frisch für August, er kam aus Nordwest und brachte die Kälte des offenen Meeres mit sich, das hier noch weit entfernt war und sich trotzdem bemerkbar machte.
Larissa stellte sich neben sie. „Du bist ein Unmensch!“
Albina lachte leise. „Du wärst erstaunt, wenn du wüsstest, wie recht du hast.“
„Also habt ihr mir etwas verschwiegen?“ Sie seufzte ein wenig theatralisch. „Natürlich habt ihr das. Alles zu seiner Zeit, sagt Nicos immer wieder. Nur nicht, wann diese Zeit ist.“
Albina nickte zu einer kleinen Insel hinüber, an der sie gerade vorbeifuhren. Die Festung Oscarsborg stand auf dem Fels wie etwas, das gewachsen war, nicht gebaut. Graue Granitmauern, rund und schwer und ohne Eile, als hätten sie alle Zeit der Welt, und im Morgenlicht warf die Mauer lange Schatten über das Wasser, das sie fast berührte.
„Das Kastell da drüben ist über einhundertfünfzig Jahre alt, genau wie ihre drei Kanonen. Die tragen die biblischen Namen Moses, Aaron und Josva, sind museumsreifer Schrott und das waren sie auch schon vor vierzig Jahren, als das deutsche Kriegsschiff Blücher hier auftauchte, gefolgt von einer Flotte, um Oslo einzunehmen.“ Sie zog den Schal enger. „Der Festungskommandant, Oberst Eriksen, fünfundsechzig Jahre alt, traf eine Entscheidung, von der er annehmen musste, dass sie ihn entweder vor ein norwegisches Kriegsgericht oder vor ein deutsches Erschießungskommando bringen würde: Er eröffnete ohne Befehl das Feuer. Mit drei Schüssen haben sie die Blücher versenkt. Sie liegt da unten.“ Sie wies auf das schwarze Wasser zwischen den Felsen. „Niemand hatte damit gerechnet, dass drei antike Kanonen in dieser alten Steinfestung genügen würden, den Stolz der deutschen Kriegsmarine, gerade erst in Dienst gestellt, auf den Grund zu schicken. Aber genau so ist es geschehen.“
Über das Gesicht Larissas huschte ein zärtliches Lächeln. „Wirst du alt?“
„Ich bin es. Aber was hat das damit zu tun?“
„Du versuchst, das Leben in Geschichten zu pressen.“
„Natürlich.“ Auch Albina lächelte, und wenn darin ein wenig Trauer war, so taten beide, als sähen sie es nicht. „Der Oberst hatte nichts weiter als den Glauben, das Richtige zu tun. Er wusste, dass Zeit in jedem Krieg der entscheidende Faktor ist. Etwas anderes haben wir auch nicht, Larissa. Nichts weiter als die Hoffnung, das Richtige zu tun und Zeit zu gewinnen. Nicos hat recht, wenn er sagt, dass wir nur ein Schmetterling in einem Tornado waren.“
Die Festung glitt achteraus. Das Wasser öffnete sich wieder, die Kiefern wichen zurück, und voraus lag der Fjord breit und grau und still im Morgenlicht.
Waren …, dachte sie und lehnte den Kopf an die Schulter der alten Frau. Sie hatten ihr nicht nur eine neue Identität und eine Aufgabe gegeben — ihr Serum entwickeln und Orstchov auf die Finger schauen —, sondern auch die Freiheit, zu tun, was sie für richtig hielt. Die Time Bandit und ihre Besatzung waren aufgeflogen und würden verschwinden, nachdem sie Larissa in Oslo abgesetzt hatten. Für die Biskaya war ein heftiger Sturm vorausgesagt worden und wenn er abflaute, würde alles, was von der Time Bandit übrigblieb, die Aufzeichnung ihres SOS sein. Larissa war auf sich gestellt. Für immer.
Sie hatten ihr die Erinnerungen, die Erfahrungen und das Wissen Albinas gegeben und dazu ihr Aussehen, als sie zwanzig gewesen sein mochte. Nur ihre Gefühle waren ihre eigenen, und die drängten sie eng an die alte Frau, für die sie nur ein Wort hatte: eines, das Albina entrüstet von sich gewiesen hätte.
„Es ist Zeit.“ Albina schob die Jüngere sanft von sich. „Du wirst schon klarkommen da draußen.“
„Natürlich.“ Larissa ging zur Treppe.
„Übrigens – von Oslo bis nach Warnemünde ist es nicht so weit.“
„Was meinst du?“ Larissa blieb stehen.
Albina lachte herzlich über den verblüfften Ausdruck im Gesicht Larissas. „Das Leben besteht nicht nur darin, eine Welt zu retten, die gar nicht gerettet werden will. Ein bisschen Spaß gehört auch dazu. Er hat dich beeindruckt, gib es zu.“
„Es hat mit Spaß nichts zu tun.“
„Womit dann?“
Larissa ließ einen Moment vergehen, bevor sie bedächtig antwortete: „Genau wie eine Antilope weiß, dass sie immer das Opfer sein wird, ist für einen Löwen alles um ihn herum Beute. Damit wird er geboren und er hört erst auf, ein Löwe zu sein, wenn er tot ist. Du weißt noch, wer dir das gesagt hat?“
„Lawrenti Berija.“ Albina wurde blass. Sie war diesem Mann nur einmal begegnet, vor mehr als vierzig Jahren. Trotzdem hatte sie es nie vergessen können und schon gar nicht den Schauder, der ihr über den Rücken gelaufen war, als sie die dunkle Glut in seinen Augen gesehen hatte. Sie war ihm damals entkommen, viele andere hatten nicht das Glück gehabt.
Larissa nickte. „Es ist in seinen Augen.“
Der Regen hatte am Morgen aufgehört, und die Pfützen auf dem Schotter der Hauptallee reflektierten einen Himmel, der nicht grau war, sondern die Farbe von altem Zinn hatte.
Sven Oldenburg war auf dem Weg zur Beerdigung seiner Mutter. Obwohl groß und kräftig, bewegte er sich doch mit der unauffälligen Eleganz eines Tangotänzers, selbst hier, in der Stille der Toten. Jeder Schritt war effektiv, verbrauchte ein Minimum an Energie und erbrachte ein Maximum an Wegstrecke. Er hatte die schiefe Nase eines abgehalfterten Preisboxers, der mit ihr zu oft die Fäuste seiner Gegner hatte stoppen müssen und Augen in der blassblauen Farbe abkühlenden Stahls, die sich tief unter starken Brauenwülsten versteckten. Seine Kopfform war kantig, aber nicht so sehr, dass er damit in einer Menschenmenge aufgefallen wäre.
Seine Pilotenjacke aus braunem Leder war etwas weiter geschnitten, als es selbst nach seinen breiten Schultern notwendig gewesen wäre, und die steinkohlegraue Bundhose ließ seinen kräftigen Oberschenkeln ausreichend Bewegungsfreiheit. Dazu trug er ein weißes Baumwollhemd und einen blauen Schlips, der nicht gebunden, sondern angeklippt war.
Er stellte sich in die zweite Reihe der Trauernden, die Hände in den Taschen seiner Lederjacke verborgen, und wirkte mit dem Brillengestell aus Draht und den peinlich genau links gescheitelten grauen Haaren, die schon erste lichte Stellen hatten, wie ein Beamter, der sich seinen baldigen Ruhestand redlich verdient hatte.
Seine akkurate Haltung, die hellwache Intelligenz in seinen Augen und sein Blick, der in Sekundenschnelle alles erfasste, sich aber dabei nie lange an einem Punkt aufhielt, erzählten denen, die sie verstehen konnten, eine andere Geschichte: Die von einem Mann, der in einem anderen Land und einer anderen Zeit einen Stetson mit breiter Krempe, Stiefel, ein paar Skalpe an den Schultern und einen Fünfundvierziger Colt an der Hüfte getragen hätte.
Er hörte, wie der Pastor die Lebensdaten seiner Mutter herunterlas. Geboren 1908 in Ribnitz. Verwitwet seit 1961. Zwei Kinder, ein überlebendes. Mitglied des Frauenausschusses der Stadt Börgerende bis 1978. Die Worte fielen in einer geübten Kadenz, ohne Gewicht.
Sven war seit elf Jahren nicht mehr in einer Kirche gewesen. Er hatte die Beerdigung in der Friedhofskapelle angesetzt, weil seine Mutter es so gewollt hätte, und weil er keinen Grund sah, ihr diesen kleinen Frieden zu verweigern. Auf dem Parkplatz hinter der Kapelle stand ein grauer Wolga, den er beim Kommen registriert hatte, ohne hinzusehen. Den Wagen kannte er.
Der Pastor sprach von Herz und Hand, und Sven dachte an Melanie. Er dachte an sie so, wie er an sie im letzten Jahr täglich gedacht hatte: präzise, in Zeitfenstern. Der 24. August 1981, der Tatort, die Bushaltestelle in der Türrschmidtstraße, das Wellblechdach, auf dem der Regen klang wie ein kleines Trommelfeuer und der Moment, in dem man ihm gesagt hatte, dass sein Junge ihren Kopf in seinem Schoß gehalten, kein Wort gesprochen und nicht eine einzige Träne vergossen hatte.
Sven hatte die Akte bekommen, weil Müller es erlaubt hatte. Er hatte sie nicht behalten dürfen, aber er hatte sie gelesen. Er hatte gelesen, was dort stand, und er hatte gelesen, was nicht dort stand. Er hatte gelesen, dass die Untersuchung am 15. September als „Sexualdelikt, unbekannter Täter“ abgeschlossen worden war, und er hatte gelesen, dass bis 02:00 Uhr niemand die Türrschmidtstraße streifenweise kontrolliert hatte, obwohl zwei Posten dafür eingeteilt gewesen waren. Er hatte den Namen des Dienststellenleiters gesehen, der die Streifenliste unterzeichnet hatte, und er hatte sich diesen Namen gemerkt.
Er hatte Fragen gestellt. Nicht viele, und nicht laut. Er hatte eine Nachfrage an die Dienststelle Prenzlauer Berg geschickt und ein Telefonat mit einem alten Kameraden aus Moskau geführt, der jetzt in Karlshorst saß. Er hatte einem Major in der Normannenstraße eine Notiz überbracht, in der ein zweiter Name stand. Er war höflich geblieben und dienstlich. Es hatte ihm genügt, drei Personen nervös zu machen.
Vier Wochen später hatte Müller ihn in sein Büro bestellt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und gesagt: Genosse Oldenburg, wir arbeiten auf derselben Seite. Sie tun gerade so, als wäre das nicht so.
Sven hatte geschwiegen. Er war aus dem Büro gegangen und hatte verstanden: Die Wand, gegen die er gelaufen war, war keine Wand, sondern die Statik seines eigenen Hauses. Er konnte nicht tiefer graben, ohne das Dach zum Einsturz zu bringen. Er glaubte an dieses Dach. Er hatte in Moskau für dieses Dach gelernt und er hatte Melanie unter diesem Dach geheiratet. Er hatte Christian in einem Inkubator liegen sehen, der unter diesem Dach gebaut worden war. Das Haus konnte Fehler haben, konnte faule Balken haben, konnte einen Mörder beherbergen – aber er konnte es nicht abreißen, um einen Mörder zu finden. Das war die Schranke, gegen die er gelaufen war. Nicht die Partei, nicht Müller, nicht die Dienststelle. Er selbst.
Das Kollektiv vor dem Individuum – das war der Satz, den er Christian nicht hatte sagen können.
Er hatte ihm auch nicht gesagt, dass er glaubte, der Mörder sei einer von ihnen. Er hatte ihm nicht gesagt, dass er ermittelt und aufgegeben hatte. Er hatte ihm nichts gesagt, weil er seinen Sohn nicht gegen das einnehmen wollte, woran er selbst festhielt. Christian war zwölf gewesen, dann dreizehn. Man sagt einem Zwölfjährigen nicht, dass sein Staat seine Mutter umgebracht hat und der Vater nichts dagegen tun kann. Man sagt einem Zwölfjährigen gar nichts. Man beobachtet ihn.
Sven hatte ihn beobachtet. Er hatte jedes Wochenende zwei Stunden mit ihm in Markgrafenheide verbracht, am Deich oder am Küchentisch, und er hatte gesehen, wie Christian arbeitete. Der Junge schrieb Schulaufsätze, in denen nichts stand, was zu verstehen war. Er spielte mit dem Hund der Nachbarin, bis der Hund eingeschlafen war, und saß dann reglos am Fenster. Er las. Er las alles, was im Haus war, zweimal.
Und Sven hatte gewusst, was unter der Oberfläche brodelte. Es war keine Trauer. Trauer kannte er. Das hier war etwas anderes: eine Wut, die sich selbst nicht auf den Punkt brachte, die keinen Namen hatte und nach einem Namen suchte. Christian würde ihn finden. Vielleicht in einem Jahr, vielleicht in fünf. Sven wusste, was dann passieren würde. Wenn Christian ihn fand, würde die Wut eine Adresse haben, und dann würde das, was jetzt innen schwelte, zu einem Feuer werden, das alles niederbrannte. Sven hatte in seinem Beruf zwei solche Fälle erlebt. Das Ergebnis war jedes Mal leise und endgültig gewesen.
Er hatte also angefangen, Bücher mitzubringen.
Jeden Freitag einen Band, ausgeliehen aus der Bibliothek der Hauptabteilung XX, die Ausleihscheine unter seinem Namen. Zuerst Sun Tsu, Die Kunst des Krieges, in der kleinen Reclam-Ausgabe, die die Abteilung für operative Ausbildung führte. Christian hatte es in einer Woche gelesen und zurückgegeben, kommentarlos. Dann Musashi, Das Buch der fünf Ringe. Dann Machiavelli. Dann, vorsichtiger, Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse — nicht das Chaos, nicht die Schmetterlinge, sondern die Frage, warum ein Säugetier sich nicht zerreißt, wenn es könnte, und warum Menschen sich sehr wohl zerreißen. Dann Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, mit dem Hinweis: Nicht weiterlesen, wenn es sich anfühlt wie Musik. Dann Freud, Das Unbehagen in der Kultur, als Korrektiv. Dann, als er sich sicher genug fühlte, Ernst Jünger, Der Waldgang. Dann Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft — in zwei Teilen, weil der Band als Ganzes im Bestand markiert war.
Er hatte dem Jungen keine Antworten gegeben. Er hatte ihm Sprache gegeben.
Parallel hatte er ihm Bewegung gegeben. Karate, weil es das war, was die Sportschule in Rostock anbot, offiziell. Judo, wegen der Fallschule. Inoffiziell, in der Scheune hinter dem Haus der Mutter, Systema, soweit er es selbst konnte, und Sambo, soweit er es aus Moskau mitgebracht hatte. Muay Thai kannte er vom Hörensagen, vier Techniken, die er zeigen konnte. Koppô, aus einem Handbuch, das in Hanoi gedruckt worden war. Er hatte Christian nicht das Kämpfen beigebracht. Das hatte sich Christian von allein geholt. Er hatte ihm die Atmung beigebracht. Er hatte ihm beigebracht, wie man steht, wenn jemand schreit, und wie man steht, wenn niemand mehr schreit. Er hatte ihm beigebracht, dass der erste Schlag in einem Kampf der ist, den man nicht führt.
Er war nicht sicher, wie viel davon angekommen war. Es war wie ein Trabant, in den jemand eine Gasturbine montiert hatte — solange niemand den roten Knopf drückt, fährt er eben wie ein Trabant.
Der Pastor sagte Amen und die Leute begannen, sich in die Allee zu zerstreuen. Sven ließ sich treiben, grüßte eine entfernte Cousine, einen Nachbarn aus Börgerende, einen alten Kollegen seines Vaters. Am Ende der Allee, wo der Kies in Asphalt überging und die Bänke standen, wartete Müller.
Er stand wie immer: die Füße im Viertelwinkel, die Hände locker an den Nähten, ein dunkler Mantel über dem dunklen Anzug, kein Hut. Neben ihm eine junge Frau, Anfang zwanzig, dunkles Haar zu einem Knoten gebunden, schwarze Jacke, schwarze Handschuhe. Sie schaute Sven an, als würde sie ihn schon lange anschauen.
„Genosse Oldenburg.“ Müllers Stimme war weich an den Rändern und hart in der Mitte. „Mein Beileid.“
„Danke, Genosse Oberstleutnant.“
„Ihre Mutter hat sich gut um den Jungen gekümmert.“
„Ja.“
„Es hätte länger gut gehen können.“
Sven sah an ihm vorbei in die Allee. Drei Männer räumten die Stühle aus der Kapelle. Der Wind hatte gedreht.
„Gehen wir ein Stück.“ Müller nickte Richtung Ausgang. Die Frau blieb zwei Schritte zurück.
Sie gingen die Allee hinunter. „Wir haben gesehen, was Sie ihm zu lesen gegeben haben.“ Müller sagte es beiläufig. „Im Lauf der Monate.“
Sven schwieg.
„Die Ausleihscheine laufen auf Ihren Namen, Genosse Oldenburg. Ich habe sie heute Morgen noch einmal durchgesehen. Zur Genealogie der Moral. Das sogenannte Böse. Elemente und Ursprünge. Sie haben einem Vierzehnjährigen Hannah Arendt gegeben.“
„Dreizehn.“
„Haben Sie Kinder, Oldenburg?“
„Sie wissen, dass ich eins habe.“
„Ich meine Kinder, die Sie erzogen haben.“
Sven blieb stehen. Müller ging zwei Schritte weiter, drehte sich um. „Sie haben keine Ahnung von Kindererziehung. Und Sie sind kein Pädagoge. Sie haben ihn mit Schießpulver vollgestopft und gehofft, er findet von selbst heraus, wie man eine Pistole nicht abfeuert. Sie sind damit mitschuldig am Tod von zwei Soldaten der Bewaffneten Organe, Genosse Oldenburg. Zwei jungen Männern, die eine Mutter haben, die weint, genau wie Sie heute weinen.“ Er hielt inne. „Sie weinen nicht. Gut. Ich auch nicht. Dann verstehen wir uns.“
Sven sagte: „Er ist dreizehn.“
„Er ist in unseren Akten vierzehn. Seit gestern. § 75, sechs Jahre Jugendstrafe. Der konstruierte Tatbestand ist ordentlich. Ich habe ihn selbst entworfen. Sie werden ihn nicht sehen.“
„Sechs Jahre.“
„Auf dem Papier. In der Wirklichkeit drei, vielleicht vier, dann kommt er in ein Programm. Der Junge hat ein Potential, das Sie erkannt haben und das wir jetzt auch erkannt haben. Der Unterschied ist: Wir wissen, wohin damit.“
„Wo ist er jetzt?“
„In einem Haus, in dem er sicherer ist als bei Ihrer Mutter. Die ist, bei allem Respekt, nicht an Altersschwäche gestorben, Genosse Oldenburg. Sie ist an der Haustür gestorben, weil ihr Enkel zwanzig Meter weiter im Gras lag und ein russischer Unteroffizier gerade ausgeholt hat, nachdem er angegriffen worden war. Das ist die Situation, in die Sie den Jungen gebracht haben, mit Ihren Büchern und Ihrem Karate und Ihrem falschen Verständnis für das, was Sie seine Wut nennen.“
Sven sah Müller an. Müllers Augen hielten den Blick, ohne zu blinzeln, ohne zu weichen. Es war das Gesicht eines Mannes, der die Balance gefunden hatte, um die Sven seit einem Jahr rang, und der sie gefunden hatte, indem er auf die andere Seite gegangen war.
Ich kenne dich, dachte Sven. Ich kenne deine Aktennummer. Ich kenne deinen Schreibtisch. Ich kenne das Berija-Porträt, das du im Schatten aufgehängt hast, damit es niemand sofort erkennt. Und ich weiß nicht, was du in der Nacht vom 23. zum 24. August gemacht hast. Ich weiß nur, dass du dir angesehen hast, wie ich das herausfinde, und dass du entschieden hast, mich laufen zu lassen.
Er sagte nichts davon. Er sagte: „Was wollen Sie, Genosse Oberstleutnant?“
Müller lächelte kurz, ohne Wärme. „Oslo.“
„Oslo?“
„Der Posten ist frei. Handelsattaché, Legende solide, Zugang zu den norwegischen Geologiekreisen. Sie sprechen Norwegisch gut genug. Ihre Frau ist tot, Ihre Mutter ist tot, Ihr Sohn ist unerreichbar. Es gibt nichts, was Sie hier hält. In Oslo haben Sie etwas, was uns interessiert. Und Sie bekommen Abstand.“
„Wann.“
„In drei Wochen.“
Sven nickte knapp. Es war keine Zustimmung, es war eine Quittung.
„Und noch etwas.“ Müller drehte den Kopf zur Frau, die hinter ihnen stand. „Ich steige auf. Hauptabteilung II, stellvertretender Leiter, ab Januar. Ihre Führung übernimmt ab sofort Genossin Wendt.“
Die Frau trat einen Schritt nach vorne. Sie war kleiner, als Sven gedacht hatte, und ihre Hand, als sie die seine nahm, war warm durch den dünnen Handschuh.
„Kerstin Wendt. Es ist mir eine Ehre, Genosse Oldenburg.“
Svens Blick hielt ihren. Er sah eine Frau, die aussah wie die Tochter von jemandem, den er kennen sollte. Er sah eine Frau, deren Lächeln auf genau dem Punkt zwischen Höflichkeit und Einladung verharrte, an dem man in der Ausbildung zwei Wochen übt. Er sah eine Frau, die ihm in Oslo alles anbieten würde, was er brauchen würde, und alles nehmen, was er hatte.
Er sagte: „Genossin.“
Müller klopfte ihm leicht auf den Unterarm, eine Geste, die er nicht gemacht hätte, wenn sie für Sven gedacht gewesen wäre. Sie war für Wendt. Der gehört jetzt dir.
„Einen schönen Nachmittag noch, Genosse Oldenburg. Fahren Sie vorsichtig nach Markgrafenheide. Die Straße bei Heiligendamm ist bei Dunkelheit gefährlich. Oder geht es zurück nach Schwerin?“
Ein Schulterzucken war Svens ganze Antwort. Sie gingen zum Wolga zurück. Sven blieb an der Bank am Ausgang stehen und sah ihnen nach, bis der Wagen hinter dem Friedhofstor verschwand. Dann drehte er sich um und ging die Allee hinunter zurück zum Grab seiner Mutter. Das Grab war jetzt halb zugeschüttet; die beiden Friedhofsarbeiter hatten sich eine Pause genommen und rauchten in sicherer Entfernung.
Sven stand am Rand, zog die Lederjacke enger und dachte: Sechs Jahre.
Er dachte: Er ist vierzehn.
Er dachte, zum ersten Mal an diesem Tag, an Melanie, wie sie damals in Leningrad neben Natalja Ermakowa gestanden und ein Reagenzglas in der Hand gehalten hatte, von dem sie nicht gewusst hatte, was darin war. Er dachte an das Entsetzen, das im Gesicht der Professorin gewesen sein musste, als die Probe aus Melanies Hand gerutscht und vor ihren Füßen auf dem Boden zerschellt war. Er dachte, der Junge trägt es in sich, und er trägt uns in sich, und wir haben ihn aus unseren Händen in Müllers Hände verloren, und die Frau mit dem dünnen Handschuh ist die Quittung dafür.
Er zog die Lederjacke noch enger. Der Wind kam jetzt von der See. Er machte sich auf den Weg. Immer noch bewegte er sich mit der unauffälligen Eleganz eines Tangotänzers und mehr denn je wirkte er wie ein Mann, der in einem anderen Land und einer anderen Zeit einen Fünfundvierziger Colt an der Hüfte getragen und ihn auch benutzt hätte.
Der Nachmittag war kalt und hell, und über der Allee standen die Linden wie eine Wache, die ihren Posten nicht mehr kannte.