← Zurück zur Übersicht
Cover: Sauber – Sourcecode NINOR
Roman · Sourcecode: NINOR

Sauber

von Rainer Sonnberg

Umfang:412 Seiten
Genre:Wissenschafts- & Cyber-Thriller
Verlag:BoD – Books on Demand
Erschienen:25. Juni 2026
ISBN-13:978-3-696-32211-3
ASIN:B0H6MJDD3J

Handlung & Prämisse

Berlin, 1990. Ein Informatikstudent verliebt sich in eine Frau, die er Bohnenstange nennt. Sie bringt ihm das Programmieren bei. Und das andere gleich dazu.

Luxemburg, 2002. In den Codezeilen, die das Karriereende einer Cybersecurity-Expertin besiegeln, hinterlässt jemand einen Namen: NINOR.

Grönland, 2008. Ein geheimes Labor wird gehackt und von allen Monitoren blinkt: NINOR. Dann fliegt es in die Luft, Menschen sterben.

Schwerin, 2019. Hartwig Renner braucht einen Auftrag. Die Frau, die ihm den Job versprochen hat, kennt er nicht. Sieben Tage später verlässt er die Stadt – körperlich gezeichnet, ruiniert, und mit einem Code, der ihn achtzehn Jahre zurückführt.

Sauber ist ein Thriller über Macht, Lust und die Biochemie des Verlangens. Über Menschen, die sich gegenseitig schützen, ohne es zuzugeben. Über Würde, die zu spät kommt. Und über die Frage, wie viel von dem, was wir Liebe nennen, in Wahrheit Dopamin ist – und ob das irgendetwas ändert.

Leseprobe

»Wer die Geister bändigen will, muß sie zu rufen und wieder zu bannen wissen.« Friedrich Schiller · Wallensteins Tod

Reykjavik

Juli 2008

Das Industriegebiet von Hafnarfjörður lag zehn Kilometer südlich der Stadt, hinter der Aluminiumhütte, an einer Straße, auf der nichts passierte, was Spuren hinterlassen sollte. Reihen aus Stahlhallen, dazwischen Bürocontainer, dazwischen Lagerflächen, in denen niemand etwas lagerte. Genau der richtige Ort, um drei Männer in einem Raum zu sammeln, ohne dass jemand sie zählt.

Ich kam dreißig Minuten zu früh, weil mir das niemand vorschrieb. Wer einem anderen sagt, wann er pünktlich sein soll, sagt damit auch, wann er erwartet wird. Ich wollte nicht erwartet werden.

Im Schließfach 117 am Flughafen Keflavík lag seit dem Vorabend ein zweiter Pass auf einen Namen, der nicht meiner war, zweitausend Euro in mittleren Scheinen, ein Laptop, dessen Preis niemand auf seinem Konto verbuchte, und eine vorbezahlte SIM von einem Anbieter, der in Island offiziell nicht existierte. Das war nicht Misstrauen. Das war Berufsroutine. Zu irgendetwas musste meine Zeit bei der Bundeswehr ja gut gewesen sein. Wer sich auf andere verließ, ließ sich auch von ihnen verlassen.

Das Büro war eine Containerzelle mit Linoleum, einem Tisch, vier Stühlen, einem Wasserkocher und einem Fenster, das auf eine Schotterfläche zeigte. Als ich kam, hatte Banks schon einen Plan und drei Pappbecher auf den Tisch gelegt, in einer Reihe, geometrisch. Aus dem Wasserkocher zog Kaffeeduft.

Er stand am Fenster, die Hände in den Taschen einer beigen Cordhose, Strickjacke über kariertem Hemd, und sah nicht heraus. Er war nicht der Typ, der aus Fenstern sah. Er war der Typ, der überprüfte, was sich im Fenster spiegelte. Mich.

„Fuchs“, sagte er.

„Banks.“

Ich brauchte einen Atemzug zu lange für meine Antwort. Nach all den Jahren hatte ich mich noch immer nicht ganz daran gewöhnt, dass in meinem zweiten Pass nicht „Hartwig Renner“ stand.

Er drehte sich nicht um. „Sie haben dreißig Minuten Vorsprung. Was haben Sie damit gemacht?“

„Den Kaffee abgewartet.“

Er lachte, ein einziges trockenes Geräusch, das aus der Brust kam und nicht aus dem Gesicht. „Setzen Sie sich.“

Banks war um die sechzig. Bürstenhaarschnitt, grau, so kurz, dass man die Kopfhaut sah, wenn er sich neigte. Er hatte die Hände eines Mannes, der mit ihnen früher gearbeitet hatte und sich das jetzt nicht mehr ansehen ließ. Seine Stimme war irgendwo zwischen Iowa und New Haven entstanden, einer von beiden Orten hatte sie geschliffen und der andere geformt. Er roch nach kaltem Zigarettenrauch, obwohl er, soweit ich wusste, seit zwölf Jahren nicht mehr rauchte. Manche Männer entziehen sich dem Tabak. Der Tabak entzieht sich ihnen nicht.

Seine Art zu führen, ließ einen keine Sekunde im Zweifel darüber, dass er sich für seine Leute zerreißen würde. Oder sie zerriss, wenn sie nicht funktionierten. Er hatte jene Art, Fragen zu beantworten, die bewirkte, dass man sie gar nicht erst stellte. Wir waren deswegen schon einmal aneinandergeraten und es hatte mich vorsichtig gemacht. Immerhin, ich war in vier Jahren bei sechs Einsätzen dabei gewesen, die er geführt hatte. Ohne auch nur eine Schramme. Keiner von uns. Das sprach für Banks.

Mike Simmons kam fünf Minuten später. Sechs Fuß zwei, schmaler im Gesicht als im Frühjahr, schwarzer Pullover, schwarze Hose, ein Rucksack, in dem nichts klimperte. Er nickte mir zu, nickte Banks zu, ging zum Wasserkocher und goss sich ein. Er war einer der wenigen Menschen, deren bloße Anwesenheit man als Information verbuchen konnte: Wenn Mike da ist, ist es ernst. Wenn Mike nicht da ist, war es nie ernst gewesen.

Renaud kam zuletzt, eine Minute vor dem geplanten Beginn. Sehr ruhig, sehr klein. Er war einer dieser drahtigen Männer, die mit fünfzig schon aussehen werden wie mit siebzig und mit siebzig immer noch wie mit fünfzig. Er trug einen abgewetzten Lederbeutel um den Hals, in dem er, wie ich seit drei Jahren wusste, einen Talisman seiner Großmutter verbarg, deren Identität er nie nannte. Renaud sprach drei Sprachen weniger als ich und sagte weniger in jeder einzelnen.

Er nickte uns zu, nahm den dritten Pappbecher und stellte sich an die Wand. Renaud setzte sich nie in Briefings. Niemand hatte ihn je gefragt, warum.

Banks rollte den Plan auf. Ein älterer dänischer Geländeplan, Maßstab 1:25000, östliche Scoresbysund-Mündung. Die Stationskoordinaten waren mit der Hand eingetragen. Daneben lag ein Grundriss des Komplexes, drei Stockwerke, die untersten zwei Drittel der Fläche befanden sich unter der Eislinie. Drei Panzerstahltüren waren mit roten Punkten markiert. Der Serverraum lag im obersten Stockwerk, an der Außenwand.

„Saubere Operation“, sagte er. „Saubere Daten, sauberer Rückzug. Wie immer. Sechzig Minuten drinnen, Helikopter rein, Helikopter raus, Mitternachtssonne, kein Schatten. Fuchs kopiert. Simmons sichert. Renaud assistiert beim Eintritt, falls eine der Türen nicht aufgeht.“

Ich sah Renaud nicht an. Er war Sprengtechniker. Sprengtechniker assistieren nicht beim Eintritt. Sie öffnen Türen, indem sie dafür sorgen, dass Türen aufhören, Türen zu sein. Aber das hatte Banks ja so ähnlich gesagt, in einer Formulierung, die juristisch hielt und operativ wie ein Hund auf zwei Beinen aussah.

„Welche Tür macht uns denn Sorgen?“, fragte ich.

„Keine sollte uns Sorgen machen. Sie öffnen alle drei.“

„Ah, ja.“ Ich mochte keine militärischen Protokolle. Und natürlich zog Banks die Augenbrauen hoch. Er hatte eine ganze Menge davon.

„Sie werden sich noch die Zunge abbeißen, wenn Sie mit »Ja, Sir« antworten, Fuchs.“

„Ah, ja. Deswegen tue ich es auch nicht.“

Hätte Banks sich sein Lächeln bezahlen lassen, hätte er jetzt einen Kredit aufnehmen müssen. Dieses Warm-Up gab es vor jedem Einsatz zwischen uns.

„Aber die dritte ist im Plan unklar. Eventuell zwei Schichten. Eventuell ein dänisches Original aus den Siebzigern, eventuell auch nicht. Im schlimmsten Fall geht Renaud ran.“

Interessant. Bekam ich die Tür nicht auf und Renaud musste sprengen – Panzerstahl, dick –, würde der ganze Komplex abheben. Ich sagte nichts. Dass ich eine elektronisch gesicherte Tür nicht aufbekam, war keine Option. Banks wusste das. Was sollte also Renaud?

Mike trank einen Schluck Kaffee. „Insassen? Wachen? Waffen?“

Banks sah ihn an, freundlich und lange genug, dass das Schweigen eine Antwort wurde. „Keine Wachen. Sie verlassen sich auf Elektronik und Unauffälligkeit. Forschungspersonal. Sechs bis acht Personen, je nach Schicht. Keine Nachtschicht, alle Türen, auch die vom Personal, sind elektronisch verriegelt. 22 bis nullsechshundert. Ich will, dass das so bleibt. Es ist Nacht in mitteleuropäischer Zeit. Wir sind drinnen, sie sind in ihren Quartieren. Wir nehmen die Daten, wir gehen. Routine. Lautlos.“

„Verstanden“, sagte Mike, in dem Ton, in dem Mike Dinge sagte, von denen ich seit drei Jahren wusste, dass er sie nicht glaubte, ohne es sich anmerken zu lassen. Das war einer seiner besseren Berufsmuskeln. Ich wusste, dass er nach dem Briefing seine Ausrüstung mit der doppelten Aufmerksamkeit kontrollieren würde.

Banks führte uns durch die einzelnen Phasen. Anflug Helikopter aus Akureyri, Absetzen östlich, Annäherung zu Fuß über das Geröll, das in der polaren Sommerschmelze gerade noch begehbar war. Erste Außenschleuse: standardisiert, fünf Minuten. Türen eins und zwei: zehn und fünfzehn Minuten. Tür drei: offen. Serverraum: dreißig Minuten Kopiervorgang. Rückzug entgegengesetzte Route, derselbe Helikopter. Banks zeichnete die Linien mit seinem Kugelschreiber, einem blauen Pelikan aus deutscher Produktion, achtziger Jahre. Ich hatte den Stift schon zu oft gesehen, um nicht zu wissen, dass Banks ihn nie verlor. Männer wie Banks haben Werkzeuge, die ihnen länger gehören als ihre Frauen.

„Fragen?“

Mike: „Funkprotokoll?“

„Codiert. Ich melde gegen, wenn jemand etwas sieht, was nicht im Plan steht. Was nicht passieren sollte.“

Ich: „Sicherheitsarchitektur Daten?“

„Standardisiert, sowjetisches Erbe, dänisch überarbeitet. Im Bereich Ihres Werkzeugkastens, falls Sie nichts verlernt haben seit dem letzten Einsatz. Wenn nicht, bauen Sie die Festplatten aus und nehmen das Eisen mit. Fragen?“

Renaud schwieg, wie immer. Mike auch.

Banks sah mich an, kurz, mit jenem freundlichen, langen Blick, der bei ihm an die Stelle einer Vermutung trat. Dann nickte er. „Keine Zeit für eine Kopie, Fuchs.“

Ich nickte.

„Fragen?“

Oh ja, aber ich hütete mich, sie zu stellen. Wie bei jedem Einsatz, gingen wir ohne Sicherung rein. Klein, schnell und gut, hatte Banks mir vor dem ersten Einsatz geantwortet, als ich diese Frage gestellt hatte. Und dann eine leise Nachfrage gestellt: Oder etwa nicht? Fuchs?

Also machte ich ein Gesicht, wie es neutraler nicht sein konnte, während er mich anblickte, als erwartete er genau diese Frage wieder von mir. Er nickte. „Gut. Sauber.“

Ich registrierte das Wort, weil es heute zum vierten Mal gefallen war. Wenn ein Mann ein Wort viermal in einem Briefing benutzt, das seinen Beruf ausmacht, dann ist es kein Wort mehr. Es ist eine Anweisung an sich selbst. Welche Anweisung das war, wusste ich nicht. Noch nicht. Aber Renaud machte mir Sorgen. Wir brauchten ihn nicht. Ich war derjenige, von dem alles abhing diesmal, nicht er. Vielleicht gab er ja den Leibwächter für mich. Oder den Aufpasser …

Banks rollte den Plan zusammen. Mike spülte seinen Becher aus, drei Sekunden warmes Wasser, ein für die Operation absolut irrelevanter Vorgang, der mir an Mike immer aufgefallen war: dieser kleine Restzivilist in ihm, der nicht wusste, dass er der Letzte war.

Renaud trank seinen Kaffee aus und stellte den Becher in den kleinen Mülleimer neben dem Wasserkocher. Banks blieb am Tisch sitzen.

„Fuchs.“

„Banks.“

„Sie haben dreißig Minuten Vorsprung gehabt. Verbringen Sie auch die nächsten dreißig nicht in der Stadt.“

„Ah, ja.“

Er sah mich nicht an dabei. Er hatte mich seit dem Eintreten nur zweimal direkt angesehen. Es lag nicht an mir. Banks sah niemanden lange an. Das tat man nicht, wenn man wollte, dass die Männer im Raum den Eindruck behielten, sie hätten sich entschieden, für einen wie ihn zu arbeiten.

Ich ging hinaus, fuhr nicht in die Stadt, sondern direkt zum Flughafen, prüfte das Schließfach 117 und legte einen weiteren Gegenstand hinzu, der mir zwischen Büro und Auto eingefallen war: einen alten USB-Stick, den niemand kannte, mit Backups meiner Codes der letzten drei Jahre und ein paar Datenbankdateien. Ich war nicht mehr fünfundzwanzig. Ich hatte gelernt, dass Männer wie Banks Wörter wie sauber nicht ohne Grund benutzten. Am Ende solcher Wörter standen meistens nicht nur Dinge, die sauber weggewischt werden sollten.

Morgen flogen wir. Ich hatte noch etwas zu tun. Vorher. Und es würde knapp werden.

◆ ◆ ◆

Der Helikopter war ein Aérospatiale, mittleres Baujahr, gemietet in Akureyri von einem isländischen Charterunternehmen, das auf der Steuererklärung als zoologische Expeditionsdienste lief und in Wahrheit drei Aufträge pro Jahr für Männer wie Banks flog.

Der Pilot hieß Sigurður, sprach Englisch mit dem Akzent eines Schafzüchters, der die Schule nicht zu Ende gemacht hatte, und stellte keine Fragen. Sein Schweigen kostete einen Aufschlag, den Banks bar bezahlte.

Wir flogen niedrig, gegen Mitternacht Ortszeit. Die Sonne stand auf den Wellen wie ein Strafzettel – zu hell, zu nah, an einer Stelle, an der sie nichts zu suchen hatte. Polartag. Wer das nicht kennt, denkt an Romantik. Wer es kennt, weiß, dass nichts Romantisches darin liegt, wenn die Zeit aufhört, eine Richtung zu haben.

Mike saß auf der Backbordseite, Augen geschlossen. Er schlief nicht, ich kannte das. Mike machte vor Einsätzen so eine Art Inventur seines Inneren, eine zivilisatorische Lustration, in der er den Mann, der er privat war, sauber von dem trennte, der gleich hineinging. Renaud saß hinten neben seiner Tasche, die Hand auf dem Lederbeutel. Sigurður summte etwas Isländisches in dem Tonfall, mit dem isländische Männer Lieder summten, die niemand außerhalb Islands je gehört hatte und niemand innerhalb Islands je übersetzen würde.

Ich öffnete das Toolkit auf meinem Schoß. Innenleben einmal durch, Reihenfolge wie immer: SIM-Reader, Magnetspulen, USB-Schlangen, Schlüsselhardware, das Notebook mit dem schwarzen Gummigehäuse. Alles ohne Kennzeichnung. Nicht zurückzuverfolgen. Leider. Jemand hatte mir einmal erklärt, dass jedes Werkzeug einen Eigentümer-Stempel braucht. Codes sowieso. Und ich war Feuer und Flamme dafür gewesen. Wer sich einen Namen machen wollte, brauchte eine Signatur. Dass man sich auch einen Namen machen konnte, indem man keinen hatte, würde sie nicht verstehen. Es war auch besser so.

Sigurður setzte uns hinter einer Bergschulter, drei Kilometer östlich der Anlage, ab, die uns vor der Sicht aus dem Komplex schützte und auch den Lärm des Helikopters verschluckte. Die letzten Kilometer war er so tief geflogen, dass ich dachte, die Kufen würden den Fels berühren.

Wir luden aus. Sigurður tippte gegen die Stirn. „Three hours. After that I'm gone.“

Wir gingen los.

Die Geröllstrecke war drei Komma vier Kilometer, im Sommer 2008 zum letzten Mal aktuell vermessen, vom Eis freigegeben seit drei Wochen, im September wieder zu. Banks hatte das Zeitfenster nicht zufällig gewählt. Mike ging vorn, Renaud in der Mitte, ich zuletzt. Ich zählte die Schritte nicht, weil das vom Atmen ablenkt. Ich zählte die Wegpunkte, die nicht im Plan standen, weil das eine Gewohnheit war, von der ich seit Luxemburg wusste, dass sie mir gehörte und niemandem sonst.

Bei Kilometer zwei lag rechts hinter einer Klippe eine kleine Bucht, in der seit gestern Abend ein abgedecktes Schneemobil stand, dazu eine Plastiktonne mit Diesel, eine Plane, ein zweiter Helm. Hoffentlich. Ein junger Färinger, der mir noch was schuldete, sollte das erledigen. Niemand wusste davon außer dem Färinger und mir, und der Färinger wusste nicht, wozu.

Ich registrierte die Klippe im Vorbeigehen, ohne den Kopf zu drehen. Männer wie Banks hatten mich gelehrt, dass man sich Wegpunkte nicht ansieht. Zumindest nicht, wenn man Begleitung hat. Man speicherte sie.

Bei Kilometer drei tauchte die Anlage auf. Ein sowjetischer Betonquader, halb eingewachsen ins Eis, an den Seiten Antennen, die nirgendwohin sendeten – das Gestell für jemanden, der irgendwann mal der Welt hatte zuhören wollen und es dann unterlassen hatte. Daneben zwei Container in dänischem Blau, beschriftet mit „Polar Climate Research Station – East Greenland Programme – Aarhus University Affiliated“. Ich kannte die Aarhus-Affiliation. Es gab sie nicht. Es gab sie schon seit Jahren nicht mehr.

Kein Zaun, keine Wachen, keine Stromleitungen. Sie setzten auf Unauffälligkeit. Ich wusste, dass sie alles, was sie an Energie brauchten, selbst erzeugten. Im Sommer kamen Tanklaster und füllten die Tanks und sobald wieder Schnee fiel, war jede Spur von Leben verschwunden.

Aber sie hatten eine kleine Schüssel auf dem östlichen Container. Ganz so abgeschnitten waren sie dann doch wohl nicht. Wetterdatenübertragung? Könnte man glauben. Ich vermutete eher VSAT – Satellitenkommunikation. Und dann die Frage: Warum hatte Banks das beim Briefing nicht erwähnt? Kommunikationsverbindungen und was mit ihnen zu geschehen hatte, standen eigentlich immer auf Top 1.

Sauber …

Wir blieben dreißig Meter vor der Außenschleuse stehen, hinter einem Felsen, der so aussah, als hätte ihn jemand eigens für diesen Zweck dorthin gelegt. Mike öffnete den Funk.

„Banks. Position.“

„Verstanden. Beginn Phase eins in zwei Minuten.“

Mike sah zu mir herüber. „Bereit?“

„Bereit.“

Renaud schwieg, wie immer.

◆ ◆ ◆

Die Außenschleuse war kein Geheimnis. Sie war sowjetisches Standardprotokoll, in den frühen Neunzigern dänisch überschrieben, in den späten Neunzigern privat umgerüstet. Ich brauchte vier Minuten und zwölf Sekunden, was zwei Sekunden über meinem Schnitt lag, weil das Magnetfeld an einem der Spulenkontakte spinnte. Spulenkontakte spinnen im Polarsommer öfter. Niemand hatte je herausgefunden, warum.

Wir gingen rein.

Hinter der Schleuse der Schleusenraum, neonbeleuchtet, an den Wänden Karten, an denen niemand seit Jahren die Stecknadeln verschoben hatte. Auf einem Klemmbrett ein Wochenplan in dänischem Kürzel, ich las quer und sah keinen Eintrag, der irgendetwas mit Klima zu tun hatte. Mike sicherte die Tür hinter uns. Renaud blieb in der Tür stehen, eine Hand auf seinem Lederbeutel, die andere auf der Tasche.

Tür eins lag dreißig Meter den Korridor hinunter. Stahl, vier Zentimeter, sowjetische Originalprägung am Schloss, elektronisches Pad in dänischer Nachrüstung. Ich öffnete sie in neun Minuten und dreißig Sekunden. Sauber, dachte ich, dann strich ich das Wort wieder aus, weil ich es jetzt nicht mehr in den Mund nehmen wollte.

Hinter Tür eins begann der Korridor, von dem ich später nicht mehr sicher sein würde, ob er real gewesen war oder ob mein Gedächtnis ihn länger gemacht hatte. Weiße Stahltüren auf beiden Seiten, in regelmäßigen Abständen, etwa drei Meter zwischen den Türen. In jeder Tür ein kleines Sichtfenster auf Augenhöhe, dahinter Licht. Jemand hatte über den ersten drei Sichtfenstern Klebestreifen angebracht, weiße Klebestreifen, gerade abgerissen, als hätte derjenige, der sie angebracht hatte, in der Mitte aufgehört.

Ich schaute nicht durch die Sichtfenster, weder durch die abgeklebten noch durch die freien. Wer reinsieht, sieht, und wer sieht, weiß, und wer weiß, hat ein Problem, das er vorher nicht hatte.

Mike ging an mir vorbei, Renaud folgte mir wie ein Schatten. Mike funkte: „Fuchs, ich bin am Treppenabgang. Mary, mary.“

„Mary, mary“, antwortete ich.

In der Wand neben Tür eins hing ein Wandmonitor, ein altes Acer-Gerät, sowjetisch-russisch beschriftet, dänisch übersetzt, gerade aktiv. Auf dem Schirm lief eine Statusanzeige. Mein Tool griff in das Anlagennetz, weil das die einzige Möglichkeit war, an Tür zwei elektronisch heranzukommen, und in dem Moment, in dem mein Tool im Netz war, lief auf dem Monitor für drei Sekunden ein Wort durch: NINOR.

Funk: Banks. „Fuchs. Was zur Hölle ist das?“

„Ein Wasserzeichen. Ist drauf, seit ich denken kann. Ignorieren.“

„Wenn das nochmal aufpoppt, will ich wissen warum.“

„Verstanden, Sir.“

Falsche Antwort. Banks wusste jetzt, dass ich nicht so cool war, wie ich tat.

Ich loggte mich ein, suchte Tür zwei im Steuerungssystem, und fand sie als TR-02-7. Parallel zwei Schichten Stahl, jünger als Tür eins, eine dänische Privatlieferung von Hartmann Industrial, 2003. Ich kannte Hartmann. Ich hatte vor sechs Jahren in einer anderen Sache mit ihren Schlössern zu tun gehabt. Das Schloss machte vierzehn Minuten und sechs Sekunden. Wieder über Schnitt. Polarsommer. Schlecht.

Hinter Tür zwei begann ein zweiter Korridor, baulich identisch zum ersten, nur ein bisschen schmaler, weil hier die Eislinie schon näher war und die Wand dicker. Die Stahltüren rechts und links waren in regelmäßigen Abständen, die Sichtfenster waren hier nicht abgeklebt. Ich sah trotzdem nicht hinein. Disziplin ist nicht, dass man nicht sehen will. Disziplin ist, dass man nicht sehen kann, weil man sich konditioniert hat, einen Schritt früher den Blick abzuwenden.

Funk: Mike. „Fuchs. Ich bin in der unteren Sektion. Hier sind ... Räume.“

„Verstanden.“ Die Pause gab mir zu denken. Mike machte nie Pausen, wenn er einmal sprach.

Ich fragte nicht weiter. Mike fragte nicht weiter. Renaud schwieg sowieso.

Tür drei kam nach weiteren zwanzig Metern. Im Briefing hatte sie als unklar gegolten – eventuell zwei Schichten, eventuell ein Original aus den Siebzigern, eventuell auch nicht. Renaud war wieder hinter mir.

Sie war zwei Schichten, sie war kein Original, sie war eine Hartmann-Sonderkonstruktion auf einem alten sowjetischen Rahmen. Ich brauchte sieben Minuten. Renaud blieb hinter mir mit seiner Tasche, ohne in sie hineingegriffen zu haben.

Dahinter lag der Serverraum.

◆ ◆ ◆

Der Serverraum war kleiner, als ich erwartet hatte. Drei Racks an der Längswand, zwei davon belegt, eines leer. Auf den belegten Racks blinkten die typischen grünen und gelben Lichter, die in Serverräumen blinken, wenn nichts Außergewöhnliches passiert. Ein altes IBM-System x in der Mitte, daneben drei HP ProLiant der dritten Generation, sowjetisch geliebt, dänisch verwaltet, alle vier sauber gepatcht. Daneben eine Konsole mit einem Monitor, der gerade im Stand-by stand. Ich weckte ihn.

Auf dem Monitor lief eine Anzeige weiter, die jemand nicht abgemeldet hatte. Eine Datenbank-Frontend-Maske, dänisch beschriftet, mit einer laufenden Liste in der rechten Spalte in Englisch. Subjekt M-09. Subjekt M-12. Subjekt M-14. Subjekt M-17.

Bei jeder Zeile eine Spalte mit Dosierungen, eine Spalte mit Zeitstempeln, eine Spalte mit chemischen Bezeichnungen, die meisten davon Synthetika der Endokrinologie. Offensichtlich hormonelle Versuchsreihen, langfristig, an Menschen, die hier länger waren als sie sein wollten. Ich sah zu viel.

Ich startete die Datenkopie. SATA-Kopplung und mein Tool griff in die Racks. Datenbanken mit Forschungsdaten sechzig Gigabyte, alle Bürodaten inklusive Kommunikation zwei Gigabyte und zehn Terabyte Videomaterial.

Ich pfiff unhörbar durch die Zähne. Machten wir hier gerade einen Konkurrenten von MGM platt? Gut möglich, was den Umsatz betraf, allerdings ganz sicher nicht die Themen.

Ich jagte einen Datenlöscher los, der jedes Video unwiederbringlich löschen würde, wo immer er eins fand. Banks wollte ich mit so einer unwesentlichen Kleinigkeit nicht belästigen. Wer eine solche Operation leitete, machte seine Leute hinterher nicht zur Sau, weil sie ihm die Pornos geklaut hatten. Und Beweismaterial war vermutlich mehr als genug in den Zellen. Lebendes. Hoffentlich. Es fiel mir nicht schwer, Fernseher hatte ich noch nie gemocht. Dann konfigurierte ich mein Tool: alle Datenbanken und Bürodaten. Es prognostizierte achtzehn Minuten. Ich würde zwei Minuten für mich haben. Am Ende.

Ich tat, was ich seit Jahren in jeder Operation machte, ohne dass jemand mich darum gebeten oder davon abgehalten hatte. Mein Tool hatte einen zweiten Strang, der parallel zur Datenkopie alles abscannte, was nicht in der Hauptdatenbank lag. Korrespondenz-Ordner, Mail-Server, Buchhaltung, externe Schnittstellen. Wer für die Anlage zuständig war, wer sie bezahlte, wer ihr schrieb und wem sie antwortete. Berufsroutine. Der Auftraggeber war oft mehr wert als der Auftrag. Eine Lebensversicherung, die sich nicht in Euro rechnete.

Es brauchte siebzig Sekunden, bis es auf einen Korrespondenz-Folder stieß, der nicht über das offizielle Anlagenpostfach lief. Anlagenpostfach? Also doch VSAT, über die Schüssel. Ich schickte eine Routine in die Spur. Sie brauchte nur dreißig Sekunden: Externer Server, dänisch gehostet, in der Anlagen-Konfiguration nicht offiziell verlinkt. Zugang über einen verschachtelten Tunnel, den jemand vor Jahren eingerichtet hatte, der gewusst hatte, was er tat. Drei Schritte später hatte ich den Folder offen.

In der ersten Mail, oben rechts, das Wort sauber. Drittes Wort im Satz, beiläufig, juristisch unverbindlich, operativ wie eine geladene Waffe.

Ich brauchte die ersten drei Mails, dann wusste ich, wer da geschrieben hatte. Banks unterschrieb mit einem Pseudonym, das nicht wichtig war, weil ich seinen Tonfall an drei Worten erkannte. Banks war hier nicht der Operator. Banks war Mit-Architekt. Er hatte vor zwei Jahren eine „Aktualisierung des Subjekt-Pools“ angeordnet, die nichts mit Aktualisieren zu tun hatte. Banks hatte vor sieben Monaten eine Honorarkette an drei Konten in Liechtenstein freigegeben, die zu drei Männern führten, deren Namen ich von früheren Aufträgen kannte.

Banks hatte vor drei Wochen eine „saubere Auflösung der Subjekt-Restbestände“ autorisiert. Saubere Auflösung. Wer ein Wort viermal benutzt, benutzt es bis ans Ende seiner Berufslaufbahn auf dieselbe Weise.

Wir waren nicht wegen der Daten hier. Renaud war nicht wegen der Daten hier. Wir nahmen eine Anlage hoch, die Banks gehörte.

Keine Zeit zum Nachdenken.

Ich kopierte den Folder auf ein separates Volumen, das nicht in die Operations-Hardware ging. Mein Notebook hatte dafür eine eigene Partition mit eigener Verschlüsselung, deren Schlüssel niemand kannte. Auch ich kannte den Schlüssel nicht vollständig auswendig. Ein Drittel davon stand in einem Buch, das nur ich noch besaß.

Dann kam der Banks-Funk.

„Fuchs.“

„Hier.“

„Status Kopie.“

„Läuft. Acht Minuten.“

Pause.

„Fuchs. Phase drei in zehn.“

Ich sah auf den Monitor. Die Subjektliste lief weiter durch, in jener gleichmäßigen Geschwindigkeit, in der Datenbanken sich selbst aktualisieren, ohne dass jemand sie betrachtet. Ich war jetzt das Jemand, das sie betrachtete. Ich schlug das Wort Phase drei nicht im Briefingplan nach. Es stand nicht drin. Im Briefingplan standen drei Phasen, und die dritte war der Rückzug.

„Welche Phase drei?“, fragte ich. Mein Tonfall war derselbe wie immer.

Pause.

„Sprengung. Renaud bereitet vor. Sie sind raus in zehn. Oder gar nicht. Ende.“

Funkstille.

Renaud war nicht wegen der Daten hier. Auch nicht als mein Beobachter.

Ich drehte mich um. Renaud war nicht mehr da.

Ich stand im Serverraum, hörte durch die Wand jemanden husten, einmal, zweimal, in einer Frequenz, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen würde. Eine ältere Frau, oder eine jüngere mit einer alten Krankheit. Das hustete man nicht mehr aus, das hustete man so lange, bis jemand einen aus dem Raum trug.

In meiner Brust passierte etwas, das ich nicht hatte einplanen wollen. Es passierte trotzdem. Manchmal liegen Dinge unter Wörtern, die wir benutzen, ohne es zu bemerken. Sauber war so ein Wort gewesen. Es hatte vom Briefing gestern bis jetzt zwölf Stunden gebraucht, bis ich es ganz gelesen hatte. Banks hatte vermutlich viele Jahre gebraucht, um selbst nicht mehr bewusst zu registrieren, wie er es benutzte.

Im Hintergrund lief die Subjektliste weiter. Subjekt M-09. Subjekt M-12. Subjekt M-14.

Irgendwo, sehr leise, in einem Teil meines Kopfes, der sonst nicht zu Wort kam, sagte jemand etwas, der vor langer Zeit gesagt hatte, dass jeder Code eine Haltung sei. Ich hörte nicht den Satz, nur die Tonlage.

Sie sagte ihn erneut. In meinem Kopf. Da war sie immer. Weil ich sie brauchte. Genau jetzt.

Ich tippte. Mein Tool brauchte noch sechs Minuten für die Datenkopie. Ein Tool, das allein arbeiten konnte …

Was ich in den nächsten sechs Minuten tat, hat mir Banks später nie verziehen. Was ich ihm im Gegenzug nie verziehen habe, ist eine andere Sache und gehört nicht in diese Stunde.

Mein Tool lief jetzt auf vier Strängen. Erster Strang: Datenkopie, unverändert, alle Volumen auf meine Hardware. Banks bekam, was er bestellt hatte. Zweiter Strang: Ich klinkte mich in die zentrale Türsteuerung der Anlage ein, die in einem alten dänischen System lief, das ich von Hartmann kannte, und ich tat zwei Dinge. Erstens setzte ich einen Master-Befehl ab, der alle Innentüren der Anlage in genau sechs Minuten gleichzeitig öffnete. Nicht jetzt. Sechs Minuten. Lange genug, dass ich im Chaos auf den Gängen nach draußen kam. Kurz genug, dass Renaud noch nicht mit seinem Material in der unteren Sektion gewesen sein und es scharfgemacht haben konnte.

Zweitens signierte ich. Mein Tool schrieb über jeden Bildschirm, jeden Monitor, jede Konsole, jedes Status-Display in der gesamten Anlage einen Layer, der für drei Sekunden ein Wort aufblinken ließ. Auf den großen Wandmonitoren. Auf den kleinen Touchpads neben den Zellentüren. Auf der dänisch beschrifteten Klimakonsole im Foyer, auf der unsere Anwesenheit als Wetterdatenstoßabweichung registriert war. Wenn man einen Brief versendet, sollte man ihn auch unterschreiben. Sauber!

Funk: Banks. „Fuchs. Was zur Hölle macht Ihr Tool?“

Ich antwortete nicht.

Dritter Strang. Banks. Der Korrespondenz-Folder lag auf der separaten Partition, mit dem Schlüssel, von dem ich ein Drittel nicht selbst auswendig wusste. Ich öffnete eine Routine, an der ich seit Jahren herumbastelte und die bis heute nicht hatte zum Einsatz kommen müssen. Sie verteilte das Material in fragmentierten Paketen an drei Treuhänder: eine deutsche Anwaltskanzlei mit einem Mann, der mir aus einer anderen Sache verpflichtet war, eine Schweizer Notariatsstelle, in der niemand wusste, dass ich existierte, und einen dritten Adressaten, von dem nicht einmal die ersten beiden wussten, dass es ihn gab. Jeder bekam einen Teil. Niemand bekam alles. Zusammengesetzt ergab es Banks. Auseinandergenommen ergab es nichts. Das ging jetzt über die VSAT-Schüssel raus.

Die Routine hatte einen Schalter. Der Schalter war monatlich. Wenn ich mich nicht binnen dreißig Tagen mit meinem Schlüssel meldete, ging das Material in drei Richtungen los: an eine investigative Redaktion in Hamburg, in der ein junger Mann saß, der gerade über die Cayman-Strukturen recherchierte; an einen Briefkasten in Washington, dessen Inhaber mit Banks' Auftraggebern nicht freundschaftlich verbunden war; und an eine Adresse, die ich mir für spätere Gelegenheiten freihielt. Ich aktivierte den Schalter. Mein Tool brauchte sechzehn Sekunden, dann lief er.

Funk: Banks, schärfer. „Fuchs. Antworten Sie.“

Ich antwortete nicht.

Vierter Strang. Spuren. Aus den Operations-Cloud-Servern der Firma, soweit ich Zugriff hatte, und ich hatte mehr Zugriff, als Banks mir je zugestanden hätte, löschte ich meine Identität. Aus den Funkprotokollen, aus den Briefings-PDFs, aus den verschlüsselten Profilen, aus den Soldbüchern und Honorarlisten, aus den Zahlungsketten, aus den Mietverträgen, aus den Buchungslisten der drei Tarn-Charterunternehmen, mit denen die Firma operierte. Fuchs verschwand. Was blieb, war ein Signum ohne Person. Das gleiche, das hier auf den Monitoren auftauchen würde. Banks würde später lange darauf starren und nicht wissen, wo Fuchs aufhörte und der Mann anfing, der ihm gerade entgangen war.

Funk: Banks. „Fuchs. Letzte Aufforderung.“

Ich antwortete nicht.

Ich schaltete das Mikrophon für den Funk ab.

Datenkopie fertig. Toolkit zu. Notebook in den Rucksack. Ich verließ den Serverraum durch die Tür, durch die ich gekommen war, ging den oberen Korridor zurück, kam an Tür zwei vorbei, ging weiter, kam an Tür eins vorbei, ging weiter.

Dann hallte das Klicken durch den Korridor und obwohl ich es erwartet hatte, klang es für mich laut wie ein Schuss. Mein Masterbefehl hatte sich aktiviert.

In Korridor eins, eine Tür von der Schleuse entfernt, war eine der weißen Stahltüren mit Sichtfenster aufgegangen. Ich sah eine Bewegung im Türrahmen – eine Schulter in einem hellen Krankenhauskittel, einen Arm, blondes Haar, mehr nicht. Ich schaute nicht hin. Mike stand gerade davor.

Funk. Banks: „Was, zum Teufel! Fuchs!“

Dann, ganz kurz, kam Mike rein. „Banks. Ich habe hier eine Frau. Sie ist in einem der Räume. Tür ging auf.“

Ich blieb still. Ich ging.

Banks: „Fuchs! Alle Türen sind auf. Du bist tot! Simmons: Negativ. Lassen Sie sie liegen.“

Mike, nach zwei Sekunden: „Negativ.“

Banks: „Simmons. Sie hören nicht zu. Lassen Sie sie liegen.“

Mike: nichts. Er stand im Türrahmen und blickte in den Raum. Dann wendete er den Kopf zu mir. Seine rechte Hand lag entspannt auf dem Sturmgewehr vor seiner Brust. Ich wusste, wie gut er damit war.

Wir blickten uns an. Zwei Männer, die sich nichts zu sagen hatten, denn für einen von ihnen war gerade ein Tötungsbefehl erlassen worden.

Zwei Optionen: Entweder sie zogen die Waffen und nur einer würde überleben, oder sie brauchten keine Worte füreinander.

Mike nickte. Ich nickte.

Ich ging. Unbehelligt.

Keine Sicherung draußen. Dumm aber auch, Banks. Ich ging durch die Außenschleuse und nach links statt nach rechts. Wer rechts ging, kam zum Treffpunkt mit Sigurður und seinem Helikopter. Wer links ging, kam in einem Kilometer an eine Felsklippe, hinter der ein abgedecktes Schneemobil stand und eine Plastiktonne mit Diesel. Hinter mir hörte ich Schüsse. Es hätte auch mein Herzschlag sein können. Laut genug war er dafür.

◆ ◆ ◆

Das Flackern kam um 3:47 Uhr. Sie wusste die Uhrzeit, weil die digitale Anzeige am Türrahmen in dem Moment ausging und wieder ansprang – 3:47, dann dunkel, dann wieder 3:47, als wäre die Zeit kurz in Frage gestellt worden.

Diesmal stand sie sofort auf.

Ein Monitor, der sonst immer dunkel geblieben war, erwachte von selbst. Kein Bild diesmal – nur Text. Endloser Text, der von oben in schwarzen Fenstern nach unten rollte, grüne Schrift auf schwarzem Grund, schnell, zu schnell für vollständige Sätze. Aber sie hatte Platinen gelesen, bevor sie Wörter kannte. Sie las, was sie lesen konnte:

System error.
System is booting another kernel.
Library override confirmed.

Verbindungsabbrüche in Kaskaden, einer nach dem anderen, methodisch, wie eine Reihe gestapelter Platinen, die fallen. Jemand kannte das System besser als das System sich selbst kannte. Prognose: Chaos.

Access protocol overridden.
Enter password root.
root login accepted.
@root>_

In einem der Fenster, für vielleicht vier Sekunden, bevor auch dieses Fenster in Fehler kollabierte, ein Wort:

NINOR

Sie kannte es nicht. Aber sie kannte die Spur, die es hinterließ – sauber, präzise, ohne Panik. Jemand da draußen wusste genau, was er tat. Jemand hatte dieses System studiert, seine Struktur verstanden, und schnitt es jetzt von innen auf wie ein Chirurg.

Die Monitore wurden schwarz.

Das Schloss an ihrer Tür klickte.

Sie trat nicht zurück. Sie stand in der Mitte des Raumes, die Füße schulterbreit, und schaute auf die Tür.

Er war groß. Ausrüstung, die sie einordnen konnte – taktische Weste, Kommunikationsgerät am Ohr, eine Waffe, die er hielt, aber nicht hob. Das Gesicht hinter einer Halbtarnmaske, aber die Augen sichtbar. Er sah sie an. Dann sah er sie wirklich an – den zweiten Blick, den Blick, der registrierte, was der erste Blick nicht erwartet hatte. Dann sah er das, was ihr Zimmer ausmachte – das gepolsterte Podest in der Mitte mit Metallringen, die Kameras in den Deckenecken, Kleidung, die man nicht draußen trug, Utensilien, die man nicht außerhalb eines Gefängnisses benutzte, die Farben Rot und Schwarz und die Wand voller Monitore. Auf einem davon stand noch ein Bild von ihr mit einem Mann und einer Frau auf dem Podest, nackt. Und dass jede Kleidung fehlte, die sie den Menschen hier gleichgestellt hätte. An ihr. Jetzt.

Sein Funkgerät: „Was, zum Teufel! Fuchs!“

Dann er: „Banks. Ich habe hier eine Frau. Sie ist in einem der Räume. Tür ging auf.“

Dann: „Negativ. Lassen Sie sie liegen.“

Wieder er, nach zwei Sekunden: „Negativ.“

Wieder das Funkgerät: „Fuchs! Alle Türen sind auf. Du bist tot! Simmons. Sie hören nicht zu. Lassen Sie sie liegen.“

Lassen Sie sie liegen …

Sie lag aber nicht. Sie stand und sah ihn an. Ein Schatten huschte auf dem Gang vorbei, verhielt kurz. Zwei Männer, die sich anblickten. Sie verstanden sich ohne Worte, konstatierte sie. Einer verschwand, der andere blickte sie wieder an und sagte: „Are you …“

„Ich bin allein hier“, sagte sie und: „Ich war immer allein hier. Wie viele seid ihr?“

Eine Pause. Kurz, aber sie registrierte sie.

„Vier“, sagte er.

„Wie viele davon sind noch funktionsfähig?“

Diesmal war die Pause länger. Er schaute sie an mit einem Ausdruck, den sie kannte – nicht Angst, nicht Respekt, etwas dazwischen, etwas, das noch keinen Namen gefunden hatte.

„Drei“, sagte er.

Sie nickte. „Dann gehen wir.“

Sie schritt an ihm vorbei in den Flur. Er drehte sich um und folgte ihr – und das, registrierte sie, ohne es zu kommentieren, war bereits eine Entscheidung über das Verhältnis zwischen ihnen. Einer von beiden führte. Es war nicht er. Hinter ihnen fielen Schüsse.

Das Grönland-Weiß traf sie zum zweiten Mal. Echter Frost, keine Glasscheibe dazwischen, die Luft wie eine Klinge. Sie ließ ihn kommen. Ihr Körper unter dem Kittel kannte ihn bereits.

Irgendwo hinter ihr brannte etwas. Das Gebäude oder nur ein Teil davon – sie drehte sich nicht um, um es zu sehen.

Der Mann mit der Ausrüstung ging neben ihr. Nach zweihundert Metern sagte er: „Mike.“

Sie schaute geradeaus. „Mari. Ich wurde im Fluss ertränkt.“

Sie wusste: Sie würde sich wiedergebären.

◆ ◆ ◆

Das Schneemobil sprang sofort an. Russische Maschine, Buran-Klasse, zehn Jahre alt, der Färinger hatte sie gewartet, weil ich ihm dafür eine andere Schuld erlassen hatte.

Ich legte den ersten Gang ein, fuhr hinter der Klippe hervor, hielt mich westlich, fuhr eine Stunde lang ohne anzuhalten, eine zweite Stunde lang mit einer Pause, nur einmal kurz zum Tanken, dann fuhr ich weiter. Hinter mir, irgendwann nach den ersten zehn Minuten, gab es ein dumpfes Brummen in der Luft, das nicht von einem Motor stammte. Ich drehte mich nicht um. Ich wusste, was es war. In der Mitternachtssonne wirft eine Detonationswolke keinen Schatten. Sie sieht aus wie eine andere Wolke, nur heller in der Mitte, und dann ist sie weg.

Ich kam zwei Tage später in Reykjavik an, auf einem Umweg über eine Fischfabrik bei Ísafjörður und einen Pickup, den ich für vierhundert Euro gekauft und in einem Stadtteil abgestellt hatte, in dem kein Mensch je auf die Idee gekommen wäre, ihn jemandem zuzuordnen. Schließfach 117 war unberührt. Ich nahm den Pass, das Bargeld, den Laptop und die SIM und ließ den USB-Stick liegen, weil ich später, wenn nichts mehr funktionierte, etwas brauchen würde, das funktionierte.

In einer Bar an der Hverfisgata, durch deren Fenster die Mitternachtssonne fiel und keinen Schatten warf, in der seit Jahren dieselben drei Männer dieselben drei Schweigeposen einnahmen, trank ich einen Brennivín und ein Bier und schaltete das Notebook ein. Aus der Distanz, über eine Kette aus drei VPN-Knoten in drei Staaten, die nicht miteinander redeten, löschte ich noch einmal nach. Was Banks bis dahin nicht gefunden hatte, würde er auch in den nächsten Jahren nicht finden. Was er finden würde, war ein Wort: NINOR. Und eine Lücke in seinen Akten, in die ein Mann gepasst hätte, den er Fuchs genannt hatte und der jetzt nicht mehr zu existieren bereit war.

Dann schickte ich eine Mail.

Die Mail ging über die dritte VPN-Station an eine Adresse, die offiziell niemandem gehörte, in Wahrheit Banks' geheimes Operations-Postfach war.

Empfänger: leer angezeigt, aber zustellungsfähig. Betreff: leer. Text: leer. Anhang: eine PDF, eine einzige Seite, die Kopfzeile einer Mail, die Banks vor zwei Jahren an die Anlagenleitung geschrieben hatte. Datum, Empfänger, der dritte Satz der Mail abgeschnitten in der Mitte. Mehr nicht. Banks brauchte das nicht mehr. Banks wusste, was unter dem dritten Satz stand, weil er ihn geschrieben hatte.

Ich schickte die Mail ab und schloss das Notebook.

Was Banks gegen mich nicht mehr tun konnte, konnte er gegen Mike tun. Banks hatte mich verloren und er würde Mike behalten, auch wenn der die Frau herausgeholt hatte. Banks würde das nicht vergessen. Er würde Mike eine Frage stellen, vielleicht direkt, vielleicht über einen Mittelsmann, vielleicht erst in drei Monaten. Die Frage würde sich anhören wie ein Angebot und wie eine Anweisung gleichzeitig. Mike würde verstehen. Mike würde bleiben. Mike würde weiter für die Firma arbeiten, weil das die Bedingung dafür war, dass er und die Frau weiterleben durften.

Banks rief am nächsten Morgen an. Eine isländische Mobilnummer, die ich nicht hatte und die er sich besorgt haben musste, wie auch immer. Ich schaute auf das Display, das Display schaute zurück, die Mitternachtssonne stand jetzt am Vormittag und sah aus wie eine Mitternachtssonne. Ich nahm nicht ab. Banks rief ein zweites Mal. Ich nahm nicht ab. Banks rief kein drittes Mal.

Das Mobiltelefon landete in einer Mülltonne. Damit war das geklärt.